
Im Gedankenkreislauf eines jeden Individuums zirkulieren physiologischer Weise immer ein paar Warums und Hinterfragungen. Manch einer mag so beschäftigt sein, oder alternativ intellektuell derart unterbelichtet, das ihm dies nie auffallen wird, die meisten Artgenossen sind sich ihrer Warums jedoch bewusst und ignorieren sie meist aus gutem Grunde.
Latent stellt sich die Frage nach dem "Warum" bei praktisch allem, was wir tun, sei es nun aktiv, oder passiv, in Reaktion auf eine Aktion Dritter. Zur Ratifizierung, zur Optimierung und zur allgemeinen Steuerung unseres Lebens sind diese Rückfragen unabdingbar. Wer sie sich nicht stellt, oder verharrt, dümpelt fremdbestimmt durch sein Sein und wird sich diese Frage spätestens final in dramatischer Drastizität stellen.
Was aber, wenn sich die Frage nicht dediziert beantworten lässt, die Ursache der Frage eine Unabänderlichkeit darstellt? Fragen, die sich ausschließlich mit "Weil es eben so muss" beantworten lassen? Für diese zahlreichen Fälle hat uns unsere Natur mit einer heilsspendenden Dumpfheit ausgestattet: Derartige Fragen stellen wir uns im Alltag nicht. Wir quälen uns allmorgentlich durch den Berufsverkehr, weil die Evaluierung der öffentlichen Verkehrsmittel kein Optimierungspotenzial auswies, wir ertragen unseren staubtrockenen, zermürbenden Job, weil Existenzängste und unser Sicherheitsbedürfnis uns dazu zwingen, wir zwingen uns wieder und wieder, diesen bescheuerten Salat zu fressen, weil das eben gesund ist und wir ansonsten des Skorbuts verstürben. Bei all diesen Tätigkeiten würden wir die ständige Frage nach dem Warum in unserem Bewusstsein gar nicht ertragen, für eine derartige Folter ist die menschliche Psyche im Regelfall schlicht nicht ausgelegt. Dauerhaftes, emotionales Erbrechen wäre die Folge, und genau dieses macht endgültig handlungsunfähig. So haben wir gelernt, vielfach die Frage nach dem Warum entweder zu ignorieren, oder in einem bewussten, mentalen Akt im Keime zu ersticken.
Mitunter aber gelingt es extrinisischen Faktoren, unser cognitives Immunsystem derart zu schwächen, das eben diese Mechanismen versagen. Wir sind so intensiv damit beschäftigt, uns andere, größere Umstände schönzureden, oder aber sie daran zu hindern, uns zu vernichten, dass keine Kapazität für das Niederkämpfen der vielen, kleinen, sonst kaum störenden Warums mehr übrig bleibt. Der Alltag wird schier unerträglich, wenn all die sinnlosen, zum Teil schmerzhaften und praktisch immer belastenden Aktionen und Reaktionen gnadenlos hinterfragt werden müssen. Nicht genug damit, das sie an die Oberfläche dringen, sie vermehren sich auch. Fehlt der gesunde Selbstschutz, reproduzieren sich die bösartigen Biester ungebremst. Kaum ein Umstand, kaum ein Zustand, kaum ein Ereignis, welches nicht im schmerzhaften Sinne hinterfragbar wäre. Der Erkrankte wird regelrecht überschwämmt von Fragen, deren Antworten er sich nicht ohne seelisches Husten, Schnupfen und Herzfieber zu geben vermag.
Wohl dem, der einen großen, umfassenden Grund zur Niederschlagung seiner Warums zu finden vermag, denn dies sind Situationen, die bestenfalls signifikante Änderungen hervorbringen, aber durchaus geeignet sind, einen Menschen zu brechen.
Doch der Gebrochene wird immun sein. Mit der Selbstaufgabe verstummen auch die Fragen. Nur mehr zu funktionieren; leichter kann ein Leben nicht sein.