Retro – Spectat 2011
Es gibt Wunden, die heilen nicht in ein paar Wochen, wie ein gebrochenes Bein, auch nicht in ein paar Monaten, wie ein gebrochenes Herz. Nach einem wirklich besonders harten 2010 waren die Ansprüche und Hoffnungen an 2011 entsprechend bescheiden bemessen. Nicht ganz zu Recht.
Bis Mitte Januar verblieb meine Grossmutter nach dem tragischen Verlust ihrer Tochter, meiner Mutter, noch bei uns in Österreich. Keine einfache Aufgabe, einem vollends gebrochenen Menschen jeden Tag aufs neue in empfundener Pflicht aufmunternd gegenüber zu treten. Letztich wollte sie nachhause. Zurück in den Ort, in das Haus, in dem sie ihr komplettes Leben verbracht hatte. Ich blieb vier, beileibe keine erquicklichen Tage bei ihr, musste dann aber familiär und jobbedingt auch mal wieder zurück. Die ersten paar Tage allein hielt sie sich erstaunlich gut, war auch von Nachbarschaft und befreundeten Menschen erstaunlich herzlich und intensiv "aufgefangen" worden.
Erst nach ein paar Wochen verfiel sie endgültig in eine tiefe Depression mit allen Konsequenzen, ich verblieb unfähig ihr zu helfen. Zuhause einen inzwischen locker 70 Wochenstundenjob, eine schwangere Frau, die Teenagerin und die Kleine, die sich so prächtig entwickelte. Mann muss Prioritäten setzten, wenngleich das auch nicht immer leicht fällt.
Grossmuttern überstand ihr primäres Tief, wenn auch mit externer Hilfe und ohne sich dessen selbst bewusst zu sein. Eine unglaublich starke Frau, die sich nach all den unfassbaren Seelenqualen, die ihr Leben für sie bereithielt, noch immer ihre Würde und ihren Lebensmut erhalten hat. Für mich dennoch erneut eine ohnmächtige, zermürbende Situation, sie leiden zu sehen, ohne wirklich helfen zu können. Auf die Distanz.
Bin schon im Frühjahr mit der Kleinen für ein Wochenende zu ihr gefahren. Wunderschön (die Zeit mit meiner Tochter), aber auch extrem anstrengend (jeder, der schon einmal 800 km am Stück alleine mit einer Anderthalbjährigen im Auto zurückgelegt hat, versteht wohl, was ich meine).
In Österreich dominierte zwischenzeitlich die Schwangerschaft. Die Perle litt physische Höllenqualen, monatelange, massive Übelkeit. Wir freuten uns aufrichtig auf unseren "Unfall", nichts desto trotz überschattete das vergangene Jahr nach wie vor alles.
Beruflich veränderte sich wieder einmal alles. Das allmächtige Management erkannte endlich das Potenzial meines Einsatzgebiets und kaufte kurzerhand 3 Kollegen aus einem anderen Unternehmen ein. Zwei von diesen wurden mir vor die Nase gesetzt, was mir letztlich anbetrachts der mitgekauften Kunden und der vorherigen Position der Kollegen einleuchtete, aber meine Karrierehoffnungen mit einem Schlag zerschmetterte. Prinzipiell hätte dieser Schritt meine sofortige Kündigung bedeuten müssen, aber mit wachsender Kinderzahl bei steigenden Hauskreditzinsen und bodenloser Inflation sinkt die Risikobereitschaft signifikant. Immerhin: Ich verlor nichts, ausser meinem Stolz, den ich klar dem Wohlergehen meiner Familie opferte.
Im Juli dann das Wunder des Lebens: Meine zweite Tochter wurde geboren. Pünktlich und unproblematisch.
Mir fiel das nicht ganz entwickelte Ohr rechts wohl als Erstem auf, aber ich maß dem, bei ansonsten bester Gesundheit, nur geringe Bedeutung bei. Es bedurfte einer monatelangen Odyssee von Facharzt zu Facharzt, um endlich Gewissheit zu erlangen: Sie hört rechts nichts. Aber mittels Knochenleitungshörgerät kann ihr geholfen werden und eine verhältnismässig einfache OP vermag, sofern sie selbst einmal so entscheidet, das volle Hörvermögen auch auf diesem Ohr zu verschaffen. Die arme, gebeutelte Perle litt seelische Höllenqualen, während mir erneut die Rolle des nüchternen Realisten zufiel. Eigentlich litt ich auch, an Sorge, an Ungewissheit, aber ich neige dazu zu agieren, statt zu reagieren, so wurde ich wohl das, was ich hoffe das als "ruhender Pol" wahrgenommen wurde.
Zum Jahresende spitze sich die Jobbelastung wieder unmenschlich zu, die letzten vier Monate habe ich rund 90 Stunden die Woche gearbeitet, während mein Arbeitgeber versucht, mir geringfügige Beträge an Urlaubserstattung und Prämienauszahlung zu unterschlagen. Unbefriedigend bis ankotzend.
Der Teenager spinnt leider immer noch. Dieses Jahr habe ich sie oftmals zu "Events" begleitet, die ihr ob ihres Alters eigentlich verwehrt geblieben wären. Sie hat also ausreichend "den Coolen" machen können, aber Dankbarkeit setzt wohl so etwas wie innere Reife voraus.
Letztlich lebe ich von der Grossartigkeit meiner beiden kleinen Töchter, die gegensätzlicher nicht sein könnten, aber dennoch jede auf ihre Weise Grossartigkeit für mich neu definieren. Während die Ältere unglaublich wehrhaft, grundsätzlich DAGEGEN und immer höchst individuell unterwegs ist, hat die Kleinere wohl noch nie nicht gelächelt, ist ein Ausbund an Freundlichkeit und Zufriedenheit und ihrer Zeit augenscheinlich weit voraus.
Kontraste sind die Würze des Lebens.
Für das kommende 2012 steht, ausser dem Umzug meiner Grossmutter nach Österreich zu ihren Urenkelinnen und dem Verkauf des mütterlichen Hauses nichts aussergewöhnliches an, welches ich nicht selbst initiieren würde. Das wird sicherlich Kraft genug kosten, aber letztlich erlaubt mir die zu erwartende, private "Workload" erstmals wieder an so etwas wie "Luftschnappen" überhaupt zu denken.
Wenn ich mir etwas wünschen dürfte, dann im Jahr 2012 genügend Kraft tanken zu können, um 2013 meinen einzigen, weiteren Lebenstraum anzugehen: Meine mich und meine Familie ernährende Selbstständigkeit.