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Bonsai-Parenting

Unsere Gesellschaft neigt dazu, ihre Kinder wie japanische Bonsais zu kultivieren, statt sie wachsen und wuchern zu lassen.

Wir pflanzen sie in überschaubare Schalen, sorgen uns um ein buschiges und gefälliges Wachstum, wozu wir, aus unserem Ermessen, unsinnige Triebe zu kappen gezwungen sind. Auf diese Weise soll ein Individuum entstehen, welches sich, auf höchstmöglich gefällige Weise in ein konstruiertes Ideal einfügen möge.

Eine harte Welt, in der wir leben, die täglich härter wird. Konkurrenz bedroht den Status eines jeden einzelnen von uns, eine Ende der Leistungsspirale ist nicht absehbar. Das Wunder der Wirtschaft lässt uns alle leben, aber eben nur die Fitesten nach unseren Maßstäben angemessen "gut". Niemand wünscht die Fehler seiner Eltern zu wiederholen, eine bestmögliche Vorbereitung auf diese Welt, die aber aktuell schlicht allein die unsrige ist, ist heilige Aufgabe am goldenen Kalb.

Als Vater zweier noch sehr kleiner Töchter und als Patchwork-Dad-Kumpel eines Teenagers mache ich mir verachtenswert wenig Gedanken um pädagogisch korrekte Lehrbucherziehung. Mir widerstrebt die Lektüre "pädagogisch wertvoller" Erziehungsratgeber, ich lehne die Mitgliedschaft in einschlägigen Elternforen, wie zahlreich im Internet angeboten, kategorisch ab. Dahinter stecken, soviel teilt meine Reflektion mir mit, nicht etwa Desinteresse und Gleichgültigkeit, sonder der tiefe Glaube an die Individualität des Einzelnen, woraus sich für mich logisch ableitet, dass es kein Patentrezept zum Thema "Kindeserziehung" geben kann.

Nichts wünsche ich mir mehr, als das aus meinen drei Mädels glückliche, zufriedene und damit erfolgreiche Menschen werden. Ich bin bereit, alles für diesen Wunsch zu tun, nicht aber, sie in Formen zu pressen, ihnen Arme abzuschneiden und sie ihrer Individualität zu berauben. Wir alle sind, natürlich, schamlose Egoisten, aber wenigstens bei dem, was uns am Liebsten ist, sollten wir diesen Egoismus des "Formenwollens" einmal zustellen können.

Alternative pädagogische Konzepte wie Anthroposophie und Montessori sind mir wiederum zu eng, zu begrenzend. Während erstere Strömung sektenhaft und abgehoben erscheint, halte ich Montessori für lebensfern. Das Leben bestraft und belohnt gleichermaßen, eine Erziehung ohne diese beiden Komponenten kann schwerlich auf ein wie auch immer erfahrenes Leben vorbereiten. Die existierenden Bildungskonzepte unseres Kulturkreises sind mit absoluter Sicherheit überholt, dem Menschsein widernatürlich und letztlich zu Gunsten eines abartigen Wirtschaftskonzeptes gleichschaltungsbasiert, aber leider nach wie vor state of the art und bedauernswerterweise dogmatisch. Zum Zeitpunkt "jetzt" wird ein Kind dieses System aus meiner Sicht eben durchlaufen müssen, um keine Benachteiligung gegenüber der Mehrheit zu erfahren. Die wesentliche Aufgabe als Eltern kann also sinnvollerweise nur bedeuten, einem Kind hier durch zu helfen, es zu bestärken, auch Dogmen zu hinterfragen und trotz auf es angewandter Gleichschaltungsprozesse Eigenverantwortung und freies Denken zu ERMÖGLICHEN. "Förderung" ist hier mit Sicherheit ein falscher Begriff, bedeutet Förderung doch auch immer das gewaltsame "Schubsen" in eine Richtung.

Als grosses Glück sollten Eltern empfinden, dass die staatliche Bonsai-Schere erst im sechsten Lebensjahr erstmals zuschnappen kann. Sicherlich deutlich zu früh, nichts desto trotz bleiben uns sechs Jahre, unseren Kleinen Raum und Material für die Ausprägung einer Persönlichkeit zu gewähren, die auch das europäische Schulsystem zu überstehen in der Lage ist.

Sechs Jahre, in denen gespielt, erfahren und erlebt werden sollte. Nicht gelernt.

So nachvollziehbar der Versuch einer optimale Vorbereitung auf die Einschulung mit bereits vorhandenen "Vorteilen" auch sein mag, so vernichtend destruktiv vermag sie sich auszuwirken. Wer seinem Kind "spielerisch" bereits vor der Einschulung Lesen, Schreiben und Rechnen vermittelt, sorgt keinesfalls für einen Vorteil, aber zuverlässig für gähnende Langeweile in den ersten beiden Schuljahren. Und diese können bereits prägend für alle Folgenden sein. Wer sich in der Schule zwei Jahre qualvoll langweilte, findet nur schwer zurück zu einem positiven Zugang zu all den Möglichkeiten, die schulisch vermitteltes Wissen sicherlich bietet.

Sechs Jahre haben unsere Kinder Zeit Kind zu sein. Nur SECHS Jahre. Wäre es nicht angemessen, ihnen wenigstens diese zu lassen, trotz allem falsch verstandenen Förderungswillen? 

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