Bonsai-Parenting
am 04. November 2011 unter Foo, Textblech abgelegt
Unsere Gesellschaft neigt dazu, ihre Kinder wie japanische Bonsais zu kultivieren, statt sie wachsen und wuchern zu lassen.
Wir pflanzen sie in überschaubare Schalen, sorgen uns um ein buschiges und gefälliges Wachstum, wozu wir, aus unserem Ermessen, unsinnige Triebe zu kappen gezwungen sind. Auf diese Weise soll ein Individuum entstehen, welches sich, auf höchstmöglich gefällige Weise in ein konstruiertes Ideal einfügen möge.
Eine harte Welt, in der wir leben, die täglich härter wird. Konkurrenz bedroht den Status eines jeden einzelnen von uns, eine Ende der Leistungsspirale ist nicht absehbar. Das Wunder der Wirtschaft lässt uns alle leben, aber eben nur die Fitesten nach unseren Maßstäben angemessen "gut". Niemand wünscht die Fehler seiner Eltern zu wiederholen, eine bestmögliche Vorbereitung auf diese Welt, die aber aktuell schlicht allein die unsrige ist, ist heilige Aufgabe am goldenen Kalb.
Als Vater zweier noch sehr kleiner Töchter und als Patchwork-Dad-Kumpel eines Teenagers mache ich mir verachtenswert wenig Gedanken um pädagogisch korrekte Lehrbucherziehung. Mir widerstrebt die Lektüre "pädagogisch wertvoller" Erziehungsratgeber, ich lehne die Mitgliedschaft in einschlägigen Elternforen, wie zahlreich im Internet angeboten, kategorisch ab. Dahinter stecken, soviel teilt meine Reflektion mir mit, nicht etwa Desinteresse und Gleichgültigkeit, sonder der tiefe Glaube an die Individualität des Einzelnen, woraus sich für mich logisch ableitet, dass es kein Patentrezept zum Thema "Kindeserziehung" geben kann.