Das Los der Väter (V): Nach dem ersten Jahr
Als Vater haben Sie bislang, in der Tat, hart gelitten. Sie gaben Ihre Position innerhalb der Familie, ja sogar innerhalb Ihres gesamten Gefüges auf. Sie konzentrierten sich ausschließlich auf zwei Wesen, Ihre Partnerin und Ihr Kind, die Sie nicht einmal schemenhaft wahrnahmen. Doch Ihre Zeit wird gekommen sein. Irgendwann.
Sie rackern Sie ackern, Tag für Tag für Tag. Der Säugling jammert, die Mutter auch. Sie haben zwischenzeitlich gelernt, "aktiv" wegzuhören. Niemand war Ihnen in den vergangenen Monaten dankbar, weder Ihr Chef, für den Sie anbetrachts Ihrer Verantwortung so manche Kohle aus dem Feuer holten, noch die Liebe Ihres Lebens, die zu keiner Zeit anzuerkennen bereit war, wieviel Familienleben für das Wohl der Familie Sie aufzugeben bereit waren. Dem Einen viel zu wenig Einsatz, der anderen viel zu viel. Machen Sie sich nichts vor, der "perfekte Mittelweg" existiert schlicht nicht, Sie KÖNNEN es einfach nicht richtig machen.
Fallbeispiel 01: Sie verhielten sich bislang im Berufsleben eher unauffällig, um unnötige Belastungen zu vermeiden. Sie verdienten Ihr gutes Geld mit einem Minimum an Einsatz und einem Maximum an Freizeit. Mit einem für einen Singlemann durchaus luxoriösen Einkommen larvierten Sie sich galant durchs Leben. Ohne Anspruch auf Extravaganz. Es reichte einfach immer, für alles. Seit Sie nun Vater sind, halten Sie es genauso. Sie sind immer noch zufrieden, auch wenn durch Kind und Frau die Freiheiten geschmälert sind, immerhin sind Sie in der Lage, viel von ihrer Freizeit mit Ihrem Kind zu verbringen, was Sie auch genießen.
Quittung 01: Ihre Partnerin wird Ihnen vorwerfen, Ihr persönliches Bedürfnis nach Freizeit über das Familienwohl zu stellen. Sie haben zwar Zeit für das Kind, verdienen aber schlicht zu wenig Geld, um einer Familie eine gesunde Basis zu gewährleisten. Sie sind also ein Egoist.
Fallbeispiel 02: Sie zeigten bislang im Berufsleben wenig Ehrgeiz, Freizeit und persönliches Wohlbefinden war Ihnen wichtiger, als berufliches Fortkommen und ein sich stetig steigerndes Einkommen. Seit Sie Vater sind, legen Sie ernsthaftes Bemühen an den Tag. Um den Ihren ein Leben in aus Ihrem Empfinden angemessenen Stil bieten zu können, legen Sie sich richtig ins Zeug. Sie glauben, völlig überzeugt, auch im Interesse der Kindsmutter zu handeln. Sie schieben Überstunden ohne Ende, nehmen zusätzliche Arbeiten auch dann noch an, wenn Sie längst am Limit sind. Sie gehen sogar weit über Ihre Grenzen, Ihrer "Familie" wegen. Klar, dass Sie wenig Zeit und Energie zur Beschäftigung mit Ihrem Kind erübrigen können.
Quittung 02: Man wir Ihnen vorwerfen, ein herzloser und ausschließlich am eigenen Profit interessierter Unmensch zu sein. Der sich einen Dreck um seine Familie kümmert. In erlesenster Kleidung und bestem Ernährungszustand wird Ihnen Ihre Liebste eines Tages eröffnen, dass sie ein gefühloses Arschloch sind.
Fallbeispiel 03: Sie waren immer schon Karrierist. Auch seit der Niederkunft Ihrer Lebensabschnittsgefährtin hat sich an Ihren primären Beweggründen und Zielen nichts geändert: Sie verdienen unverschämt viel Kohle, schlicht weil Sie es können. Die wenige Zeit, die Ihnen zwischen Job, Koks und Nutten noch bleibt, nutzen Sie eher zu Ihrer ganz persönlichen Entspannung, als zur Entlastung Ihrer Partnerin, indem Sie Ihr die Beschäftigung des Nachwuchses zeitweilig abnähmen.
Quittung 03: Ihre Quittung entspricht exakt der Nummer 02.
Fallbeispiel 04: Sie haben sich noch nie um Themen wie Verdienst und Karriere gekümmert. Nach einer Ausbildung im sozialen Bereich sind Sie genau dort verblieben. Mit Ihrem Gewissen können Sie auch keineswegs vereinbaren, sich für Ihr Kind an den Kapitalismus zu verkaufen. Gottseidank haben Sie in der Kindmutter eine Seelenverwandte gefunden, die, wie Sie, keine Ansprüche an monetäres Gut stellt, sondern das "nachhaltige" Menschsein in den Vordergrund stellt.
Quittung 04: Ihr alternatives Kindsmuttchen wird spätestens dann beginnen, Ihnen massive Vorwürfe zu machen, wenn das monatliche Salär nach Begleichung der Walddorfkindergartenrechnung kein Potenzial zum unbeschwerten Einkauf im "Eine-Welt-Laden" oder beim Bio-Bauern der Wahl mehr bietet. Sie werden Sie "Kapitalistin" nennen, aber sie wird Ihnen nicht zuhören.
Im Fazit: Was auch immer Sie tun, wer auch immer Sie sein mögen, oder werden, es wird Ihnen nicht gelingen, es der Sprecherin Ihrer neuen Familienwelt recht zu machen. Nichts desto trotz sind Sie ein Gewinner. Das unbeschreibliche Glücksgefühl, wenn Ihr KInd Sie das erste Mal "Papa" nennt, wenn es Ihnen nach einem noch so harten Arbeitstag freudig in die Arme fällt, wenn es beginnt, Sie in seine Spiele miteinzubeziehen, wenn es spürbar eine unglaublich wichtige Beziehung zu Ihnen aufbaut, dieses ungeheuerliche Glücksgefühl wird Ihnen niemals wieder irgendjemand nehmen können. Es wird Sie auf unbeschreiblich positive Weise verändert und geprägt haben, bis an das Ende Ihrer Tage.
Es lohnt sich. Uneingeschränkt!
(P.S.: Damit bin ich, fürs Erste, am Ende meiner Beitragsreihe "Das Los der Väter" angelangt. Meine grossartige Tochter Marie wird in vier Tagen 19 Monate alt und hat mich, als erster Mensch überhaupt, die Essenz des Seins gelehrt. Ich bin glücklich, seit ich sie kenne, was auch immer ansonsten geschehen mag. Diese Reihe wird in losen Abständen sicherlich fortgesetzt werden und sollte erst in ungefähr 300 Jahren mit der Hochzeit meiner Tochter enden.)
07 März 2011 um 2:01 pm
Oha. Eine Tochter. Da koennen wir uns ja noch auf Geschichten gefasst machen, wenn der Vater vom Wohnzimmerfenster aus all die zwoelfjaehrigen Galane aus dem Vorgarten schiesst, die doppellaeufge Schrotflinte dabei mit Steinsalz geladen.
Sie haben aber eines noch nicht erwaehnt, das mir, der Sohn naehert sich unaufhaltsam der Vollendung des ersten Lebensjahres, nun zu Ohren kommt: die Vergroesserung der Familie um ein weiteres Exemplar. Wo 4 satt werden, werden auch 5 satt, wurde mir eroeffnet. Indirekt bedeutet dies wohl, den Lebenslauf aufzufrischen und die gaengigen Headhunter zu kontaktieren. Unisono mit obiger Mitteilung kommt uebrigens auch die Aussage "Der Kleine stresst mich. Dauernd will er Aufmerksamkeit…" Frauenlogik hinterfrage ich inzwischen schon gar nicht mehr.
08 März 2011 um 10:30 am
Steinsalz? Wo sind wir denn? Das Krieg, Bester, Krieg!
Sie erinnern sich an die Sage vom Sisyphos? In Wahrheit hatte er Frauenlogik hinterfragt!
29 Juni 2011 um 7:47 pm
Überwältigt von der Sprache… ich als Schweizer lese hier Wortwendungen… ach wie gerne würde ich es können.
Gelacht habe ich, geweint… alles so real und ich als gestandener Vater dreier Kinder- zwischenzeitlich erwachsen habe mich wie "damals" gefühlt.
Ich danke dir lieber Verfasser für diesen Ausflug in die Vergangenheit, die ich wohl sehr nah und deinesgleichen erlebt habe, doch nie in so Wortgewaltige Sätze hätte beschreiben können.
Ja und wie bin ich auf deinen Blog gestossen… Mit dem Suchbegriff Fossing ikea… ja mein Sohnemann hat das Gefühl als liege er auf einem Sack Nägel.
Herzlich Daniel @zartbitter
01 Juli 2011 um 10:25 pm
Herzlichen Dank für Ihre höchst erbaulichen Worte! Es fließt halt so raus, wenngleich selten genug!
Nur die besten Wünsche!