Mann kommt ja zu nichts mehr
Vor ein paar Wochen habe ich vollmundig einen Wien-Beitrag angekündigt. Niemals umgesetzt. Letztes Jahr schon das Projekt "Alter Schuppen zu schickem, komfortablem Einfamilienhaus umbauen" begonnen, auf der Mitte des Weges steckengeblieben. Es kommt halt IMMER anders, als Mann denkt…
Die Sockelleisten in den oberen Wohnräumen habe ich mit viel Not noch im letzten Jahr geklebt bekommen. Danach war ich erst einmal dauermüde, anschließend daueranderweitigbeschäftigt. Es ist ein Trauerspiel, ein Jammertal, ein gnadenloser, allgegenwärtiger Spiegel der eigenen Erbärmlichkeit.
All die grossartigen Ideen und Projekte, die Mann sich als Single ausdenkt, aber aufschiebt, weil es sich für EINEN nicht lohnt, Mann sowieso vom High-Live zu geschwächt ist, ersaufen letztendlich im Familienleben. Und wenn einen eben dieses nicht völlig verzehrt, ist es der Job. Auch der zufriedenste Low-Budget-Lebenskünstler mit geringer Karrieremotivation wird zum Work-a-holic, wenn es darum geht, den Lebensstandard, wenn nicht die Ernährungsgrundversorgung seiner Liebsten sicher zu stellen. Echte Not hat nur der erlebt, der sich unter echter Verzichtbereitschaft und -notwendigkeit im DrogerieMarkt für die Alnatura-Babynahrung entschieden hat, obwohl sie ganz und gar nicht ins Budget passte.
Freizeit als solche existiert nicht mehr. In den wenigen Minuten am Tage, in denen man sich aus den broterwerbsrelevanten Tätigkeiten kurzfristig ausklinken kann, ist stets eine mehr oder minder genervte Mutter zur Stelle, die sehr genau weiss, was mit der freien Zeit anzufangen ist: Mann schleppt erbärmlich kreischende Babys ergebnislos beruhigend einwirkend durch die Gegend, unterstützt dumpf-unwillige Teenager bei den verhassten Hausaufgaben, oder schraubt der Schwiegermutter die SIM-Karte in das vertragsverlängernde Schrott-Touch-Handy. Jeder ergreifbare Zeitrest geht in verzeifelten Bewusstlosigkeitsversuchen unter, oftmals knapp in Stunden, öfter noch gewaltsam beendet durch gegen die neue Selbstverantwortung des eigenständigen Aufstehens revoltierender Teenager.
Und wenn Mann irgendwann vermessen glaubt, er hätte einen gangbaren Zeitplan, soweit alles im Griff, gute Chancen auf ein für alle Beteiligten befriedigendes ein Erfolgserlebnis, findet sich unter hoher Wahrscheinlichkeit noch ein anderer Familienteil, der einem einen fetten, roten Stricht durch die Rechnung macht:
Nach zwei bitteren Jahren stillen Ertragens hatte ich mich endlich ausreichend zur Emanzipation entschlossen, beruflich einen Grossangriff zu starten, wohl wissend, dass dies einige Monate verstärkten Arbeitsanfalls bedeuten würde. Zur grossen Freude fiel dieser "Angriff" auf überaus fruchtbaren Boden. Nebenbei wurde noch die Taufe meiner Tochter geplant, Einladungen gedruckt, Arrangements getroffen. Alle freuten sich auf diesen Termin, würden doch zu diesem Anlass auch die Uroma und die Oma väterlicherseits aus dem weit entfernten Deutschland wieder einmal anreisen. Ich begann eine Feuerstelle im Garten zu graben, um dem zu erwartenden Grillaufkommen gerecht werden zu können. Just als ich mich von der ersten Grabeetappe beim Reinigen des heimischen Pools entspannte (Familienväter wissen: Es gibt keine Freizeitbeschäftigung ohne Allgemeinnutzen, bzw. darf es sie nicht geben!), erlangte ich telefonisch Kenntnis von dem Umstand, dass meiner im Prinzip blutjungen Mutter das Hirn explodiert sei. Cerebrale Massenblutung nach angeborener Missbildung, nennt sich das, im übersetzten Fachjargon. Also: Ab ins Auto, scheiss auf den 16 Stundentag, bislang, 700 Kilometer abreissen, um wenigstens der im selben Haus lebenden und völlig fertigen Urgrossmutter beistehen zu können.
Im Fazit: Muttern lag 4 1/2 Wochen auf Intensiv, beatmet, wurde gestern, immer noch beatmet, in eine Reha-Klinik verlegt, eine signifikante Besserung ihres Zustandes ist über all die Wochen nicht feststellbar, sie ist massiv eingetrübt, fast vollständig halbseitengelähmt und kein Mensch weiss, ob sie je wieder ansatzweise ein klares Bewusstsein erlangt. Von den vergangenen vier Wochenenden war ich genau eines zuhause, an Dreien habe ich jeweils 2000 km mit dem Auto abgespult, mich um Urgrossmuttern gekümmert, beschwichtigt, getröstet, Zuspruch geleistet, chauffiert, organisiert, recherchiert und stand als Auskunft für alle Bekanntschaften Mutterns zur Verfügung. Die Woche über habe ich meinen beruflichen Plan mit aller Gewalt weiter verfolgt, einmal angeleiert kann Mann so eine Karriere auch nicht mehr abwenden. Das Ganze unter massiven Verlusten: Ich weiss beim Aufwachen grundsätzlich nicht mehr, wo ich gerade bin (Reisetätigkeiten häuften sich zudem in den letzten Wochen), zuhause geht es drunter und drüber, meine elfmonatige Tochter mag mich nur mehr aus der Distanz, die Hunde kläffen mich an, die Tauffeuerstelle liegt noch immer so brach, wie ich sie verlassen habe, vor fünf Wochen, das drei Monate alte Leasingauto hat jetzt schon seine Laufleistung fürs gesamte erste Jahr hinter sich, ich verliere so allmählich aus Erschöpfungsgründen jede Leichtigkeit und jeden Humor. Jeden Tag wollen 900 Dinge von mir getan sein, aber ich schaffe höchstens 300. Alles kreist, rotiert, immer schneller, die Wirklichkeit fühlt sich jeden Tag unwirklicher an, ich muss mich jeden Tag erneut aus dem immer dichter werdenden Schleier der ausstehenden Kapitulation gewaltsam und kräftezehrend befreien. Nicht gut, denn meine Kräfte schwinden proportional zu den steigenden Anforderungen.
Nicht gut.
Mann kommt einfach zu nichts mehr.
22 Juli 2010 um 8:45 am
Aehnliches kenne ich auch. Man plant, dann kommt der Chef und erzaehlt einem, dass das Projekt 2 Monate vor Ablauf fuer einen selbst beendet wird und man in die Heimat zurueckkehren darf. In ein Haus, das exakt diese 2 Monate noch von anderen Personen bewohnt wird, vertraglich abgesichert. Also was tun? Zelten mit der 4koepfigen Familie im Garten? Oder ein Buch schreiben "Unter Deutschlands schoensten Bruecken"? Daneben halt noch die vorgezogene Organisation der Rueckkehr neben der normalen Arbeit. Inklusive gestresster und dadurch dauernoergelnder Frau.
Man kommt zu nichts.
23 Juli 2010 um 7:40 am
Manch einem bleibt auch wirklich nichts erspart. Aber was Sie da berichten, ist tatsächlich die Härte! Sofern Sie Urlaub unter einer austrianischen Brücke erwägen, biete ich hinsichtlich der Auswahl gerne meine Hilfe an…