Generation “Digital Natives” und die Idiosynkrasie des verkauften Internets
Aktuell in aller Munde, treiben sie den "alten Säcken" der IT – Branche wahlweise Bewunderungssschauer über die Innenarme, oder den Angstschweiss ins Gesicht. Kaum jemand weiss allerdings viel mehr über die ins digitale Zeitalter Geborenen, als dass sie mit dem Medium Internet geboren wurden. Wer sind sie? Was machen sie? Was können sie?
Nach 1980 geboren, mit PC, Handy und Spielekonsole aufgewachsen, schon früh im Internet vernetzt und von völlig anderer Gedankenstruktur, das sind die offiziellen Voraussetzungen für einen "Digital Native". Realistisch betrachtet können aber mit dem Internet aufgewachsenen kaum vor 1990 geboren sein, gehen wir also davon aus, das ein waschechter "Native" keinesfalls älter als zwanzig Jahre sein mag, mit Stand heute.
Die Wissenschaft bescheinigt ihnen signifikante, neue Fähigkeiten im Umgang mit Informationen: Sie seien Multitaskingfähig, verfügten über ein deutlich beschleunigtes Auffassungsvermögen, gingen mit technischen Neuerungen wie selbstverständlich um, seien hochgradig vernetzt und vielseitigst interessiert. Im Gegenzug wird ihnen eine verkürzte Aufmerksamkeitsspanne, Unkonzentriertheit und Oberflächlichkeit attestiert.
Ich für meinen Teil begann mich im biblischen Alter von etwa 22 Jahren mit dem Internet zu beschäftigen. Viel früher war es jedoch auch für den allgemeinen Pöbel gar nicht zugänglich. Die Anfangszeit des Netzes war von grosser Verwirrung bei den Nutzern und "geht nicht" bei den technischen Gegebenheiten geprägt. Die Verbindungsgeschwindigkeiten waren katastrophal langsam, an die Übertragung eines Videos war nicht einmal zu denken. Es handelte sich um Neuland, es machte grossen Spass, seine Unvollkommenheit zu ergründen, seine Möglichkeiten auszubauen und die eigenen Visionen zu leben. Ein Nerdtümpel voller Porn und Tech, wenn man so will. Wer damals im Netz kommunizierte, tat dies mit Gleichgesinnten und wurde von der außenstehenden Mehrheit als "Freak" verlacht.
So um das Jahr 2000 zog das Internet schließlich auch in die weniger freakigen Haushalte ein, Breitabandanschlüsse wurden allmählich finanzierbar, die Masse begab sich ins Netz, mailte, chattete und downloadete, was die Leitungen hergaben. Immer mehr und mehr kommerzielle Interessen wurden ins Netz transportiert, das Netz selbst wuchs explosionsartig, wurde immer unübersichtlicher und immer vermüllter. In den postmillenischen Jahren wurde es für den Normalverbraucher immer schwieriger, sich den Weg zu Informationen selbst zu bahnen, Google und Co verdienten Milliarden mit dieser Hilflosigkeit, indem sie den Suchenden mit Werbung beschossen.
Heutzutage ist ein Netz ohne Kommerz, ohne Werbung und ohne "Premium-Content" für den zahlenden Kunden kaum mehr vorstellbar. Alles ist bunt, supereinfach zu bedienen, jeder kann alles, überall. Auch die Zugangsgeräte haben sich immer mehr zu massentauglichen Konsumgeräten gewandelt, zu blöd für das Internet kann heute tatsächlich niemand mehr sein. So bewegen sich also die Netzkiddies wie selbstverständlich in dem sie umgebenden "Netz", das sie jedoch in seinen Grundlagen nicht mehr verstehen, nicht mehr verstehen müssen. Der normale Internetuser ist reiner Konsument geworden, er "konsumiert" Kommunikation und "konsumiert" die Option, sich selbst Aufmerksamkeit zu verschaffen und seine eigenen "Inhalte" zu transportieren.
Immer weiter trivialisierter "Content" wird via Twitter, Facebook, studiVZ, schuelerVZ und armleuchterVZ in den digitalen Äther geblasen, Bandbreite und Speicherplatz sind für die Produzenten weder ein Thema, noch Begrifflichkeiten. Die allgegenwärtige, kommerzfinanzierte "Usability" ist eine grossartige Angelegenheit, ermöglicht sie tatsächlich der breiten Masse die Vernetzung, allerdings birgt sie auch eine nicht zu unterschätzende Gefahr:
Der zum Konsum Gedrillte fragt nicht mehr warum und wieso. Er konsumiert schlicht.
Und diese These deckt sich bedauerlicherweise mit meinen persönlichen Erfahrungen: Im beruflichen Umfeld habe ich immer wieder mit sehr jungen Menschen zu tun, die mit einer wohlklingenden Fachausbildung absolut nichts anzufangen wissen. Sie beherrschen die absolut obersten Bereiche der High-Level-Technologie, bedienen im Schlaf fertige Produkte, programmieren kleine Widgets und Addons in (Verzeihung!) höheren Trottelsprachen wie Java, C# oder Visual Basic, installieren und erweitern PHP oder weiss-der-Henker-was-Webbapplikationen, "komponieren" Funktionalität anhand vorgesetzter Frameworks, haben aber keinen blassen Schimmer mehr über die dahinterliegende Technik.
Im Privaten mal einen Teenager gefrag: "Was macht denn für Dich das Internet aus?" – "Facebook und Youtube!" – "Sonst nichts? Spielst Du wirklich nur rum?" – "Äh, naja, manchmal für die Schule noch Google. Aber das ist verwirrend, da kommt immer so viel Schrott."
Der Punkt ist: Die sogenannten "Digital Natives" sehen das Netz nicht mehr als reine Infrastruktur zur Informationsübermittlung mit faszinierenden Möglichkeiten zur kreativen Gestaltung, sondern betrachten ein paar wenige, von ihnen und ihrem Umfeld genutze, kommerzielle DIENSTE als "DAS INTERNET".
Vermutlich klinge ich bereits wie ein Netzgreis, mit dem ewig warnenden Finger vor jedweder Veränderung, aber genau hier sehe ich eine Gefahr für künftige Generationen: Wenn nur mehr genutzt wird, ohne zu hinterfragen, ohne zu erforschen, ohne zu verstehen, dann wird irgendwann niemand mehr wissen, wie es funktioniert. Es kann auf diesem Wege auch nur begrenzten Fortschritt geben, indem Vorhandenes neu kombiniert wird. Möglicherweise reicht das aus, doch ich mag daran nicht glauben.
Was man den neuen Netzmenschen lassen muss: Sie haben den Informationsfluss als ebensolchen begriffen, was sehr vielen "Immigranten" noch überaus schwer fällt: Man kann aus ihm schöpfen, aber man kann ihn niemals austrinken. Diese Erkenntnis für "oberflächlich" zu halten ist dann wohl oberflächlich.
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