Herr Schulz und ich…

Es ist eine lange Geschichte, inzwischen, die wir miteinander teilen, über jede Artgrenze hinaus. Ich bin beileibe kein Menschenfreund, noch weniger Tierfreund, von meinen Essgewohnheiten abgesehen. Es ist äusserst selten, dass ich eine Wesenheit "Freund" nenne, doch Herr Schulz muss sich das zwischenzeitlich fast täglich anhören.

Er ist etwas Besonderes, unbestritten. Für mich ist er lange Zeit der triftigste Grund gewesen, am Leben zu bleiben. Heute verdanke ich ihm schlicht, mein Glück noch erleben zu dürfen.

Wir sind im Jahre 2003. Dezember. Ich befinde mich in einer etwas beschwerlichen Lebensphase, meine Ehe ist gerade gescheitert, meine Gattin aus der gemeinsam gegründeten WG gerade ausgezogen. Ich fühle mich frei und erleichtert, doch ist ein Mangel bereits spürbar: Ich kann mich nur schlecht um mich selbst kümmern, umso besser um andere. Aber da ist gerade niemand. Meine WG Mitbewohner sind aktuell alle gut drauf, an meiner Fürsorge besteht kein Bedarf.

An einem grauen Tage zwischen Weihnachten und Neujahr, nicht sonderlich kalt, aber feucht und niederdrückend, verlasse ich mein Bett, zum ersten Mal seit Tagen, um einen Spaziergang zu machen. Ich war niemals der Spaziergänger, aber die besondere Situation trug besondere Früchte. So begab es sich, das ich mich in meinem neu erworbenen, finanziell völlig unhaltbaren, Sportwagen von Dormagen, meinem damaligen Wohnort, zufällig nach Rommerskirchen begab, um dort meinem irrationalen Bewegungstrieb freien Lauf zu lassen. Ich war etwa eine Viertelstunde strammen Schrittes unterwegs, bereits am Ende meiner beschränkten Kräfte (ich hatte sehr schnell 40 Kilo abgenommen, was meine Kondition seinerzeit spürbar schwächte), als aus dem knirschenden Gebüsch plötzlich ein bösartiger Wolf mir entgegensprang und mich missgünstig musterte. Ich musterte um einiges missgünstiger zurück, was mein fletschendes Gegenüber jedoch kaum beeindruckte. Sicherheitshalber mit den Händen in der Hosentasche setzte ich meinen Weg, die Zaghaftigkeit schlecht überspielend, schnittig fort. Das Untier dicht an meinen Fesseln.

In Gedanken eine Weile verloren, verlangte der handelsübliche Jungesellenkater schließlich seinen Zoll: Die Situation mit dem räudigen Getier im Schlepptau ging mir auf den Sack. Ich hielt also inne und stellte mich der Situation, in dem ich in die Hocke ging und das Monster lockte. Dieses stieg spontan auf meine Finte ein, näherte sich, und sank schließlich unter meinen kraulenden Hand zu Boden. Irgendetwas muss zu just diesem Zeitpunkt in mir passiert sein, ich erinnere mich nicht, aber ich konnte diese stinkende Töle ab diesem Zeitpunkt nicht wieder vergessen. Alsbald gesellte sich ein reckenhafter, blonder Jüngling zu uns, der, sehr besorgt um meinen Gesundheitszustand, mich und das mir nachtrottende Tier darüber aufklärte, dass es sich bei Letzterem um einen entlaufenen Tierheimssträfling handelte, der als "gefährlich" eingestuft den Zwinger eigentlich nicht hätte verlassen dürfen. Ich begleitete die beiden noch zurück bis zum Tierheim und lauschte ehrfürchtig den blutigen Lebensläufen der Vorbesitzer und zog dann alleine meines Weges.

In der folgenden Nacht träumte ich das Erlebnis wieder und wieder. Auch in der darauf Folgenden. Es ließ mich faktisch nicht mehr los. Also besuchte ich alsbald das genannte Tierheim und den dort zum Einschläfern verknasteten Räudigen. Mit etwas argumentatorischer Überlegenheit überzeugte ich die verantwortliche Tierheimleiterin, mich unter Leinenzwang mit dem seinerzeit auf den Namen "Rambo" keineswegs hörenden Schäferhund/Rottweilermischling ausgehen zu lassen. Schon nach dem ersten Ausgang war irgendwie klar, das wir auf eine ganz besonders abstruse Weise irgendwie zusammen gehörten. In unseren Psychosen waren wir damals sicherlich gleich gefährlich. Nur hatte er längere Zähne.

Es dauerte rund eine Woche, das Tierheim davon zu überzeugen, dass der Hund nicht eingeschläfert, sondern freigelassen werden muss. Und nur zwei Wochen, bis ich die WG von der Tatsache überzeugt hatte, dass entweder der Hund bei uns einzieht, oder alle einen fürchterlichen, qualvollen Tod zu sterben im Begriff sind. Die ersten drei Wochen waren anstrengend. "Herr Schulz", ehemals "Rambo" (Der sich den neuen, geringfügig weniger asozialen Namen übrigens selbst gab, als er beim ersten Probespaziergang mit unserem canophobischen WG-Mitglied sich just bei dessen kapitalen Rülpser die Pfote an der Stirn rieb) war deutlich scheuer, als gedacht und vermied jeden Kontakt zu uns, seinen Mitmenschen. Er hatte eine sehr unerfreuliche Vorgeschichte mit Menschen, seine Vorbesitzer hatten ihn beide brutalst misshandelt, wovon seine vielfältigen Narben bis heute zeugen. Nach drei Wochen wurde seitens des Tierheims letztmalig seine Unterkunft überprüft. Wir bestanden anstandslos.

Bis dahin hatte sich Herr Schulz immer in gesundem Abstand zu uns aufgehalten, mit leichter Tendenz zu wachsender Vertraulichkeit. Exakt einen Tag nach meiner Unterzeichnung des endgültigen Übernahmevertrags biss er mich erstmals bis auf den Knochen in die Hand. In die WG fügte er sich ansonsten recht problemlos ein, nur mich biss er immer wieder. Ich habe weit über ein Jahr gebraucht, um sein Problem zu erkennen: Angstbeisser. Menschliche Hände, Pantoffeln, TV-Zeitschriften, glimmende Zigaretten und Bierflaschen machten ihm echte Probleme. Darauf konnte ich mich im Laufe der Zeit einstellen. Zwar habe ich oft darüber nachgedacht, ihn wieder abzugeben, aber ein Wort ist ein Wort. Auch einem verrückten Hund gegenüber, wie ich finde.

Die WG löste sich irgendwann auf, ich zog mit Herrn Schulz in eine Zweizimmerwohnung ins Zentrum von Düsseldorf. Ich soff, verliebte mich schließlich, bis sie starb, bekam Krebs mit der Prognose: Keine, lebte dennoch weiter, war jahrelang in einem Sumpf aus Alkohol, Weibern und Drogen gefangen, wurde depressiv, sah kein Licht mehr am Ende eines nicht mal erkannten Tunnels, aber Herr Schulz war immer bei mir. Dankbar für jeden Kilometer, den ich mit ihm den Wald durchstriff, letztlich dankbar für jede streichelnde Berührung, für jede wohlmeinende Zuwendung. Schließlich fing ich mich wieder, überlebt hatte ich oft nur wegen des mehr als starken Verantwortungsgefühls diesem Tier gegenüber, der von Woche zu Woche, von Monat zu Monat, von Jahr zu Jahr immer mehr Vertrauen in mich setzten konnte. Es gab Zeiten da schliefen wir zusammen in einem Bett. Wasserbett, Hunde hassen so etwas Schwankendes, für gewöhnlich. Wir hatten Jahre, da waren wir wirklich arm. Er frass die trockenen Nudeln, die ich mit ihm teilte, weil für mehr mitunter kein Geld mehr da war. Irgendwann hat er dann gelernt, wieder zu lächeln. Klingt bescheuert, aber so ein Hundslächeln ist schon etwas Besonderes, wenn ein Wesen so lange und übel gelitten hat. Zwischenduch lernten wir dann eine kleine Familie kennen, in die wir uns zu integrieren bereit waren. Als die Beziehung kriselte, verlor wohl auch er das Vertrauen und kniff die beiden kleinen Mädels jeweils einmal in die Hand. Furchtbare Situation, ich war kurzzeitig derart enttäuscht und geschockt von ihm, das ich ernsthaft entschieden hatte, ihn einschläfern zu lassen, weil ich nicht bereit war, mein zukünftiges Glück restlos für ihn aufzugeben. Ich habe es letzendlich doch nicht getan und fühlte mich monatelang wie das letzte Stück Dreck, diesen Gedanken überhaupt erst erwogen zu haben. Manchmal war ich sicher, er hatte verstanden, was ich im Begriff war zu tun. Aber nachgetragen hat er es mir zumindest nie.

Auch diese Irrfahrt ging vorüber, ich stürzte erneut kurz ab, in Suff und Party, aber Herr Schulz war nach wie vor bei mir. So sehr ich mich auch immer bemüht habe, ihm und seinen hündischen Bedürfnissen gerecht zu werden, so denke ich jedoch auch, dass der arme Kerl oftmals hat zurückstecken müssen. Vor etwa vier Jahren versprach ich ihm, sicherlich nicht nur alkoholeuphorisiert, dass er seinen Lebensabend in einer Familie, einem Haus mit eingenem Garten verbringen werde. Er ist ein Hund, ich bin ein Mensch, dennoch sind mir meine Versprechen, in welcher Beziehung auch immer, heilig. Ich habe wirklich gelitten, unter dem Bewusstsein der Unerfüllbarkeit dieses Versprechens. Immerhin war ich damals zwar unter knappem Lohn und Brot, aber hochverschuldet und finanziell weit unter Armutsgrenze angesiedelt. In so einigen Monaten hatte ich kaum mehr als 100 Euro, um den Köter und mich durchzubringen. Und hübsch war ich ja, im Gegensatz zum Hund, noch nie.

So abstrus es mir damals auch erschienen sein mag, drei Jahre später habe ich dieses Versprechen gehalten. Was mich schon sehr stolz und glücklich macht. Herr Schulz lebt inzwischen in einer kleinbürgerlichen Familie mit bescheidenem Eigenheim, zwei Kindern, zwei ihn liebenden "Haltern" und ja, er macht sich richtig gut dabei. In der Vergangenheit hat er mich sicherlich 50 mal blutig gebissen, zahllose Fremde gezwickt und auch mir zu dem Zeitpunkt wichtige Menschen ernsthaft verletzt. Aber, wobei ein "Aber" bei der Vorgeschichte nicht ganz leicht fällt, er war immer da, hat mir immer genau das abverlangt, was mir zu dem jeweiligen Zeitpunkt abverlangt werden konnte und wichtig war, mir abzuverlangen, und er hat sich echt zu einem Sonnenschein gemausert.

Natürlich werde ich ihm niemals, insbesonder im Hinblick auf ein Kleinkind, vollständig über den Weg trauen, aber das muss auch niemand. Wir haben uns prächtig mit ihm arrangiert, auch wenn er bellt, mitunter stinkt und Haare verliert, er ist und bleibt Teil unserer Familie und das hat er sich auch mehr als verdient. Genaugenommen hätte es DIESE Familie ohne ihn nie gegeben.

Gerade habe ich ihn beim Schlafen auf der Couch erwischt. Er weiss, dass er das nicht darf und ich für gewöhnlich auch konsequent reagiere. Aber ich konnte einfach nicht mehr, als ich ihm im Gesicht habe ablesen können, wie er gerade darüber nachdachte, herunterzuspringen und so zu tun, als ob nichts gewesen sei, aber die Hoffnungslosigkeit seiner Situation einsah und mit schuldbewusstem Blick einfach liegen blieb, weil sowieso nichts mehr zu retten war… Ich kann nicht anders, ich liebe diesen Hund. Und ich weiss, dass es denen, die ich liebe, nicht anders geht. Im Juli wird er neun Jahre alt werden, alt für so einen grossen Hund. Ich wünsche uns allen, dass es dem Kerl noch lange gut gehen wird, er ein lebenswertes Leben führen kann, mit allem und allen, die ihm wichtig sind, denn ich weiss, mit ihm wird ein nicht unwesentlicher Teil meinerselbst sterben. Coole Socke. Nicht einfach, wie ich selbst. Aber der beste Freund den man sich überhaupt nur wünschen kann. Wenn es darauf ankommt.

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