Die neuen Coolen

Sogenannte "Revoluzzer" zeichneten sich früherer Tage im Wesentlichen durch eine gezielt nonkonformistische Attitüde, im Wesentlichen aber durch den Transport einer Aussage aus. Es wurde frontal Kritik am System, der Gesellschaft, oder der Menschheit im Allgemeinen geübt, aber man hielt – zumindest theorethische – Alternativen bereit, nörgelte nicht nonkonstruktiv vor sich hin und stand letztlich mit seiner eigenen Identität für die eigene Meinung ein.
Das Web hat vieles verändert. Zwar nicht den überbordenden Geltungsdrang des menschlichen Individuums selbst, wohl aber die Optionen, diesem ein Ventil zu schaffen. So genügen heute ein Internetanschluss und viel freie Zeit, aus einem arbeitslosen Sozialneurotiker einen Helden, einen Star, eine Gallionsfigur zu kreieren. Einziges Problem: Es gibt derer viele und die Masse trübt den so ersehnten Blick auf den Einzelnen. Alleinstellungsmerkmale sind also gefragt, Wege, aus der Masse an supercoolen Techies herauszustechen. Millionäre bietet das Netz inzwischen zu Milliarden, ein Helfersyndrom ist längst nicht mehr schick, Helden des Alltags transportieren Tag für Tag unseren Wollstandsmüll ab.
Eine erstaunliche Tendenz geht also in Richtung asozialen Verhaltens in sozialen Netzwerken. Was auf den ersten Blick paradox erscheinen mag, ist letztlich zivilisatorisch eine logische Konsequenz: Wohlstand und das Fehlen existenzieller Sorgen fördern Individualismus, während Not und Ängste die Menschen kollektivbereiter macher. Während Individualismus grundsätzlich ein positiv zu bewertendes Streben darstellt, lässt sich dieser jedoch auch krankhaft übersteigern. Wer ist der asozialste Underdog? Wem gelingt es, durch menschenverachtende Äußerungen, seine Mitmenschen am stärksten zu schockieren?
In einer gesunden Gesellschaft wird asoziales und dissoziales Verhalten primär durch Fürsorge zu korrigieren versucht, im Falle des Misserfolgs schließlich mit Ignoranz und Ausgrenzung gestraft. Wir hingegen beginnen jedoch, die Dissozialen zu heroisieren, ihnen ein amüsiertes Publikum zu bieten, wenn sie den Konsum harter Drogen bagatellisieren, Rücksichtslosigkeit als Lebensmodell euphemisieren und sinnlose Morde phantasieren, über die wir uns lachend am Boden wälzen.
Ich muss gestehen, mich ebenfalls bereits erheitert zu haben, wenn namenlose Twitteruser peinlichste Fäkalanekdoten zum Besten geben, die sie auf immensen Dosierungen chemischer Drogen erlebt zu haben behaupten, wenn sie in einem Medium, in dem auch zahlreiche Jugendliche kommunizieren, das "Klinken von E's" zur normalen Wochenendbeschäftigung der coolen Partypeople stilisieren, Sexismus, Rassismus und Menschenverachtung als Lebensmotto anbieten, oder den Genuss einer Line Koks zum Statussymbol erheben.
Letztlich ist es die Gedankenlosigkeit im ständigen gedanklichen Kreisen um uns selbst, die uns asoziale Verhaltensweisen an den Tag legen lässt, ohne sie als solche zu empfinden. Manchmal sollten wir alle einmal innehalten, den eigenen Egoismus und den Geltungsdrang zur Seite legen und ehrlich uns selbst und unser Tun reflektieren. Sofern wir noch dazu in der Lage sind.