Das Nerd-Dilemma

Nie war es leichter, nie war es schöner, ein Computer-Nerd zu sein, als dieser Tage. Nerd-Ismus ist zwischenzeitlich gesellschaftlich akzeptiert und eher hoch angesehen, als ins Lächerliche gezogen. Sollte man meinen. In Wahrheit betreibt aber die IT-Industrie ein noch nie dagewesenes Nerd-Bashing der ganz anderen Art, das endlich einmal ans schmutzig-gelbe Tageslicht gezogen werden muss.
Ich war schon immer ein Nerd, irgendwie, auch wenn ich ich es selbst erst sehr spät realisierte. Meine für einen Nerd verhältnismäßig weit ausgeprägten sozialen Kompetenzen, sowie ein eher sub-akademisches Umfeld taten das Ihrige zu einer erfolgreichen Langzeitverschleierung. Immer schon hatte ich das quälende Bedürfnis, technischen Zusammenhängen auf den Grund zu gehen, sie zu erforschen, auch wenn es ihre Demolierung bedeutete. Immer schon habe ich Dinge auseinandergenommen, wenngleich früher auch selten wieder funktionierend remontiert. Erst als ich mein Hobby zum Beruf machte und fortan in der Softwareentwicklung mein täglich Brot verdienen durfte, erkannte ich mein wahres Ich.
Der Defakto-Standardberuf des Nerds, der des Software-Entwickler, hat sich jedoch mit der Industrialisierung der IT signifikant gewandelt. Zuvor waren Softwareentwickler merkwürdige Zeitgenossen, die ihre Kreativität und ihre überbordende Problemlösungskompetenz relativ frei ausleben konnten, kamen sie doch in der freien Wildbahn eher selten vor und waren von Arbeitgebern begehrt. Banken, Versicherungen, Softwarefirmen und Universitäten hielten sich welche abgeschottet in neonbeleuchteten Kellern, gaben ihnen Pizza und Cola und bezahlten sie mit mehr, als sie in aller Regel auszugeben vermochten. Die Nerds dankten ihnen diese Freiheit mit übergebührlichem Arbeitseinsatz und opferten bereitwillig auch noch ihre Freizeit für Firmenbelange, die sie stets als die Eigenen empfanden.
Mit zuhehmendem Bedarf an individualisierter Software stieg auch der Bedarf an Programmierbefähigten. Business-School-Absolventen kreierten sogenannte "Prozesse", die Softwareentwicklung vereinfachen, beschleunigen und nicht zu letzt verbilligen sollten. Kaum mehr konnte der Bedarf mit Informatikern gedeckt werden, weshalb der Beruf des "Fachinformatikers für Anwendungsentwicklung" ins Leben gerufen wurde. Während als studierte Informatiker zwischenzeitlich fast ausschließlich praxisferne Richi-Ritch-Fantasten mit Bill-Gates-Profilneurose agierten, weil eben im BWL-Studiengang keine Sitzplätze mehr frei waren, durfte nun jeder, der schon einmal eine Playstation 3 angeschlossen hatte und die Realschule halbwegs ohne Frühschwanger- /-vaterschaft überlebt hatte, eine Praxisausbildung zum Anwendungsentwickler absolvieren.
Eine regelrechte Schwemme an sogenannten Codierern (Programmiersprachenkundige ohne messbare Eigenintelligenz) überrannte kurz darauf den Markt und zerstörte alle bisher dagewesenen Gehaltsgefüge. Selbst Informatikabsolventen verdienen seither, sofern als Entwickler angestellt, nur mehr einen Bruchteil dessen, was früher einmal drin gewesen ist. Aus unternehmerischer Sicht ist es sinnvoller, zum gleichen Geld 5 grottenschlechte Codierer und einen halbwegs begabten Productmanager zu beschäftigen, als einen kompetenten Entwickler, da sich im ersteren Szenario eine gewisse Ausfallsicherheit ergibt.
Wer den Job aus idealistischen Motiven, finanzielle kann es keine geben, dennoch macht, weil er gut darin ist und Spaß am kreativen Entwickeln hat, wird sich alsbald im typischen Nerd-Dilemma wiederfinden: Sein Arbeitgeber erkennt sein Potenzial und möchte dieses betriebswirtschaftlich möglich effektiv ausnutzen. Der arme Nerd wird also vom Bildschirm weggelobt und soll künftig Konzepte für die Programmieraffen aus der Berufsschule verfassen. Im allerschlimmsten Falle zwingt man ihn auch noch zu Kundenkontakt, weil er der einzige ist, der auf fachliche Fragen eine halbwegs sinnvolle Antwort geben kann. Kaum zu erwähnen, das man ihn weiter für das kärgliche Entwicklergehalt anschaffen lässt, während der BWL-ler, der den Job zuvor an die Wand gefahren hatte, noch das Dreifache dafür bekam.
Das Nerd-Dillemma auf den Punkt gebracht: In einem auf Masse statt Klasse gerechneten Businessplan wird ein Nerd zu seinem Leidwesen immer Karriere machen müssen, da er nicht anders kann als gut zu sein, in dem was er tat. Er wird jedoch zunehmend zu Arbeiten gezwungen, die ihm keine Freude bereiten, weshalb die Qualität ein Mittelmaß niemals übersteigen kann. Mittelmässigkeit ist des Nerds Tod. Er stirbt innerlich. Irgendwann.