Das Prinzip Volksverarsche (Teil II)
Nachdem im ersten Teil die theoretischen Grundlagen eines kapitalbasierenden Gesellschaftssystems umrissen wurden, soll heute die praktische Seite ein wenig genauer beleuchtet werden.
Man nehme exemplarisch einen Industriearbeiter, der in einer Endmontagehalle beispielsweise höherwertige Mikrowellenherde zusammenbaut. Pro Mikrowellengerät benötigt er, wiederum äußerst exemplarisch, eine Stunde Arbeit. Diese bringt ihm persönlich 11 Euro netto ein. Seinen Arbeitgeber kostet diese Stunde Arbeitszeit, inklusive flexibler Kosten wie Strom, Heizung, Fehler, die der Arbeiter macht, Verwaltung und Logistik und allen sonstigen Nebenkosten rund 50 Euro. Für das Basismaterial, das samt und sonders im aussereuropäischen Ausland fremdgefertigt wird, zahlt er inklusive Anlieferung 33 Euro. Die Gesamtproduktionskosten inklusive Verpackung belaufen sich somit auf, sagen wir einmal, 90 Euro.
Für 140 Euro wird das Gerät nun an den Handel weitergegeben, der es schließlich für 169 Euro an den Endkunden weitergibt. Macht einen Reinerlös für den Hersteller von 50 Euro, der Händler erwirtschaftet nach Abzug seiner Auslagen noch einmal ca. 19 Euro.
Anderes Beispiel, gleiches Thema:
Ein festangestellter IT-Experte berät für seinen Arbeitgeber Kunden in seinem Fachgebiet. Er arbeitet nicht auf Provisonsbasis, sondern für ein Fixgehalt, Überstunden werden anteilig ausbezahlt. Pro Stunde berechnet sein Arbeitgeber dem Kunden 175 Euro. Pro gefahrenem Kilometer mit dem eigenen Fahrzeug erhält der Berater 55 Cent, dem Kunden werden 60 Cent in Rechnung gestellt. Weitere Nebenkosten fallen für den Arbeitgeber nicht an. Alles in allem fallen aber pro bezahlter Stunde beim Kunden ingesamt zwei Stunden Arbeitszeit für den Mitarbeiter und/oder Verwaltungsangestellte und Vertriebler an, die vom Kunden nicht vergütet werden. Bei großzügig veranschlagten Arbeitszeitkosten von 80 Euro bleiben dem Arbeitgeber also pro verkaufter Arbeitsstunde noch 95 Euro Reingewinn. Dem Arbeitnehmer bestenfalls 20.
Im Fazit: Egal ob produzierendes, oder dienstleistendes Gewerbe, im Schnitt verdient der Kapitalgeber an der Leistung seines Leistungserbringers rund das Fünffache dessen, was er diesem als Lohn zugesteht, wobei die Leistung fast ausschließlich vom Leistungserbringer erbracht worden ist.
Und warum? Weil er es kann!
Nur mit Kapital ist es möglich, die für die Aufnahme einer Geschäftstätigkeit erforderlichen Investitionen zu erbringen. Der Fabrikarbeiter wäre also gar nicht in der Lage, die für eine wirtschaftlich sinnvolle Größenordnung erforderliche Menge an Bauteilen einzukaufen, geschweige denn Fertigungsanlagen zur Verfügung zu stellen. Dem IT-Berater würden, ohne namhaftes Unternehmen im Hintergrund, niemals Beratungsverträge angeboten.
Letztlich ist es also das Kapital, welches seinen Eigentümer dazu befähigt, diejenigen, deren Arbeit Früchte er sich einverleibt, zu knechten und knapp zu halten. In einer sogenannten sozialen Marktwirtschaft ist dieses Vorgehen legitim, der Reingewinn eines Unternehmers im Verhältnis zur Entlohnung des Produzierenden ist nicht geregelt. Sozial bleibt hier allein, das man auch einen Arbeitslosen noch nicht unmittelbar auf der Strasse verhungern und erfrieren lässt, sondern ihn notdürftig am Leben erhält. Sonst nichts.
Es liegt mir fern, den Kapitalsimus und die Marktwirtschaft zu verteufeln, hat sie doch auch den nicht mit Kapital gesegneten Mittelständlern vielfach ein angenehmes Leben ermöglicht. Es sei aber dennoch gestattet zu hinterfragen, ob der reine Besitz finanzieller Mittel es rechtfertigt, Millionen von Arbeitnehmern auf diese Weise auszubeuten.
- Leistung muss da entlohnt werden, wo sie passiert -
Mit einem solchen Slogan ließen sich neue Wege finden, Kapital weiterhin gewinnbringend einzusetzen, aber auch die reine Leistungserbringung attraktiver zu gestalten. Wir besitzen heute die technischen Mittel, die Produktionskosten eines einzelnen Artikels bis auf den Cent hinunter unter Berücksichtigung aller Faktoren voraus zu berechnen. Ebenso abbildbar sind die Kosten und Zeitaufwände aller Nebenproduktionsprozesse. Wieso hier nicht die Reingewinne nach einem fairen Schlüssel gemäß den geleisteten Aufwänden pro Produkt verteilen? Gerne kann dem Kapitalgeber hierbei auch ein Risikobonus anerkannt werden, ein Produkt, oder eine Dienstleistung müssen sich ja nicht zwingend verkaufen und nicht immer kann dem Kapitalgeber eine Managementfehlentscheidung vorgeworfen werden.
Warum ein derartiges Prinzip niemals Einzug halten wird? Weil kein Kapitalgeber jemals bereit sein wird, freiwillig seine Gewinne mit seinen Angestellten zu teilen. Und weil kein Politiker jemals ein Interesse daran haben können wird, es sich mit den Kapitalgebern zur verscherzen.
Aber fragen wird wohl noch erlaubt sein.
27 Januar 2010 um 7:08 am
Wenn ich Ihre Ausfuehrungen so lese, dann waere die moegliche Loesung eine Mittelstandsgesellschaft ohne Industrialisierung. Denn dort wuerde dann genau an der Stelle entlohnt, an der die Arbeit entsteht. Nur, was ist dann mit Massenguetern wie etwa Badelatschen aus chinesischer Produktion? Die von Zwangsarbeitern unter unmenschlichen Bedingungen hergestellt werden? Gaebe es nicht. Dafuer gaebe es eben regional unterschiedliche Bekleidungs- und Schuhmode ebenso wie regional eben nur bestimmte Nahrungsmittel. Frische Erdbeeren im Dezember? Welcher auf der Suedhalbkugel ansaessige Landwirt wuerde diese auf die Nordhalbkugel transportieren, um den groessten Teil seines Gewinnes einem Transporteur (oder Logistikunternehmen) in den Hals zu werfen? Im Prinzip also ein Rueckfall in vorindustrielle Zeiten.
Was waere allerdings mit Guetern, deren Herstellung die Ausbeutung des Menschen voraussetzt? Automobile etwa? Selbst Handwerker mit profunden Kenntnissen muessten ein Kombinat, eine Interessensgruppe bilden, um gemeinsam so was auf die Fuesse zu stellen. Durch persoenliche Befindlichkeiten muesste ein Schlichter her, der als "Vorsitzender" die Interessen aller abwaegt und entsprechende Entscheidungen faellt. Und automatisch ein hohes Gehalt einfordert ob seiner Leistungen. Beisst sich da die Katze in den Schwanz und es entsteht dasselbe System?
Von den Autos ausgehend ist aber der Gedanke reizvoll. Keine Autos mehr bedeutet auch nur noch geringes Interesse an Oel. Was wiederum den wirtschaftlichen Untergang der Oelfoerderlaender nach sich zieht. Sollte man mal gedanklich durchspielen, das Modell.
27 Januar 2010 um 9:35 am
Soweit würde ich keinesfalls gehen wollen. Mir schwebte da ein ganz anderer Weg vor, der gewiss keine Problemlösung, wohl aber punktuelle Linderung bringen könnte.
Was wäre, wenn man ein eine Zertifizierung einführen würde, die ein Unternehmen ablegen kann und sich anschließend als modernes, menschenfreundliches Unternehmen anpreisen könnte? Mit der Zertifizierung ginge eine umfassende Analyse und Beratung einher, mit dem Ziel, JEDEN Mitarbeiter auf faire Art und Weise gewinnzubeteiligen, ohne aber die wirtschaftliche Stabilität des Unternehmens zu gefährden.
Sicherlich eine sehr abgefahrenes Konzept, müssten doch Unternehmer gewillt sein, von ihrer Torte auch den ewigen Trockenbrotfressern ein Stückchen abzugeben, erhielten aber hierduch gewiss eine signifikante Imageaufwertung und möglicherweise auch ein besseres Lebensgefühl…
27 Januar 2010 um 11:12 am
Waere ich Unternehmer, wuerde ich sagen "Abgeben? Aber meine Angestellten haben doch schon genug Abgaben!"
Der Nebeneffekt einer Beteiligung der Mitarbeiter an den Gewinnen waere eine hoehere Kaufkraft derselben, die sich in einer Ankurbelung der jeweiligen Wirtschaftsraeume abzeichnete. Das Prinzip "mit der Salami nach dem Schinken schmeissen", das allerdings nicht verstanden wird. Hier in Qatar indes ist es noch ein wenig krasser. Eingeborene, also Passinhaber, und das sind nur etwa 250.000 der etwa 1,5 Millionen Einwohner, haben zumindest freie Heilbehandlung im Krankenhaus, andere Leistungen wie kostenlosen Strom, Wasser und eine Apanage habe ich noch nicht bestaetigt bekommen. Das laesst natuerlich genug Moeglichkeiten fuer Umsatz zu. Daneben Steuerfreiheit (auch fuer Gastarbeiter), nur Firmen muessen etwa 10 Prozent Steuern auf ihre Gewinne bezahlen. Sparen, Krise? Hier nicht erkennbar.