Chronische Unterforderung
In Zeiten der Wissensgesellschaft erwirtschaften viele ihr Brot allein mit der Leistung ihres Hirns. Wie jeder Muskel, will auch ein Hirn trainiert und gefordert sein, sonst büßt es an Leistungsfähigkeit ein, oder beschäftigt sich mit unerwünschten Dingen, die mitunter schwerwiegende Probleme nach sich ziehen können.
Eines der wesentlichen Merkmale echter Führungskompetenz lautet, die richtigen Mitarbeiter mit den für sie passenden Tätigkeiten zu beauftragen. Echte Führungskompetenz ist jedoch selten. Manch Personalführungsbeauftragter entscheidet primär zum eigenen Wohl, ganz besonders in Unternehmen, die nur noch nach Zahlen geleitet werden. So werden Mitarbeiter als Cash-Cows verheizt, maximaler Profit geht zu Lasten efiizientester Auslastung und Beschäftigung. Das Mitarbeiterwohl spielt per se keine Rolle.
Viel zu oft finden sich also Menschen in Positionen wieder, die ihren Fähigkeiten und Bedürfnissen nicht entsprechen. Einzelne Charaktere sind dazu geeignet, sie unterfordernde Tätigkeíten auszuführen, in dem sie die eigenen Persönlichkeit während der Verrichtung ausschalten und den Job lediglich als leidliches Mittel zum Zwecke der Existenzsicherung betrachten. Andere zerbrechen.
Man nehme einen durchschnittlich begabten Studienabbrecher eines geisteswissenschaftlichen Fachgebiets. Seine Interessen liegen in der Literatur, der Musik und der Philosophie. Im Verlauf seines Studiums muss er erkennen, dass ihn seine Studienwahl wohl niemals wird ernähren können. Seine Freundin erwartet ein Kind, Einnahmen müssen her um die junge Familie zu ernähren. Mit Ende 20 also verlässt er die Universität und beginnt, mangels Fachqualifikation und Ausbildungsberuf, eine Karriere in der örtlichen Dosenfabrik. Hier wird er in der Dreierschicht (Früh/Spät/Nacht) an einem Bördelautomaten eingesetzt, an dem er pro Schicht ca. 8000 mal ein und denselben Handgriff verrichten wird. Für "gutes Geld" hat der arme Knopf nun seine Seele verkauft. Die ersten Monate gehen leicht von der Hand, da er durch die Schichtwechsel sowieso niemals mehr richtig wach wird. In seiner Freizeit verbringt er stumnpfe Stunden mit seiner Familie, oder besäuft sich mit Arbeitskollegen am Tresen. Innerhalb weniger Jahre wird er entweder schwerer Alkoholiker, drogenabhängig, oder schlicht tot sein, da ihn die Depressionen mit dem Schädel in die Hochdruckpresse gezwungen haben, nachdem seine Restkreativität ihm das Überlisten der Lichtschrankensicherung ermöglicht hatte.
Geistige Unterforderung ist eine Unterschlagung von Erfolgserlebnissen. Ohne Erfolgserlebnisse kränkelt erst das Ego, später der ganze Mensch. Unzählige psychosomatische Erkrankungen, Süchte, Depressionen und aggressive Übergriffe gehen auf das Konto der geistigen Unterforderung. Ein meiner Meinung nach zentrales Thema unserer Gesellschaft, über das jedoch niemand spricht.
Ein glückliches, gesundes Leben setzt immer auch ein gewisses Maß an Selbstverwirklichung voraus. Der unbegüterte Durchschnittsmensch verbringt den Großteil seiner Lebenszeit mit der Erwirtschaftung von Kapital für andere (was an sich bereits ein Hohn ist!), so ist er geradewegs gezwungen, sich im Job selbst zu verwirklichen. Ist ihm diese Möglichkeit genommen, wird er über kurz oder lang zu Grunde gehen. Oder aber er war schon immer ein nicht zu unterfordernder Trottel. Solche gibts auch.
Es kann nur jedem angeraten sein, der sich in seinem Job nicht allzu wohl fühlt, intensiv in sich hinein zu horchen, auf die Stimmen, die da sagen, ob er das richtige tut. Aus Angst oder Bequemlichkeit keinen Wechsel anzustreben, sondern im geistigen Verlies der Verdummung zu verharren wird auf lange Sicht einem Selbstmord auf Raten gleichkommen. Der Mensch kann sich auch in Beschäftigung langweilen, wenn die Beschäftigung ihn zwar blockiert, aber nicht auslastet.
12 Dezember 2009 um 7:35 am
Genau so isses!