Zeitgalopp

Manchmal, mögen die Zeiten auch noch so hektisch sein, ereilen einen Momente des unbewussten Innehaltens. Das kann im Auto sein, einem Sekundenschlaf ähnlich, aber unter Beibehaltung der Reaktionsfähigkeit. Oder man wacht mitten in der Nacht unbegründet auf und befindet sich in genau so einem Augenblick, bis der Schlaf einen wieder einholt und jeden Gedanken fortspült.

In einem solchen Augenblick hebt sich mitunter der Schleier, den uns das Gehetze von Punkt A zu Termin B alltäglich um das Bewusstsein schlingt, das Sein erhält kurzfristig einen fast surreal anmutenden Realismus. Ein klarer Blick, für wenige Sekunden, der uns erschrecken, entzücken, oder einfach nur erstaunen lassen kann.

Die letzten beiden Jahre waren eine einzige Verfolgungsjagt der Ereignisse, mit mannigfachem Gerempel und einer Vielzahl an Beinaheunfällen. In den spärlich gesähten, wirklich glasklaren Momenten ereilt mich mitunter eine fast retrospektive Angst, die Ereignisse hätten sich überschlagen können. Ich betrachte mich von oben, im hier und jetzt, und weiss beinahe nicht mehr, wie ich hier her gelangt bin. Schockmomente, sind dieses Innehalten, aber bitter nötig, um auf Kurs zu bleiben.

Vor ziemlich genau zwei Jahren legte ich meinen damals langjährigen, sicher geglaubten Job als Softwareentwickler in Neuss und mein über Jahre erprobtes Singledasein in Düsseldorf ab. Recht zeitgleich lernte ich nämlich die Perle ernsthaftiger kennen. Beruflich aus dem Trott gerissen, blieb mir ein Vierteljahr, mir entweder einen neuen Job zu suchen, oder eine eigenständige Existenz zu gründen. Zweiteres habe ich versucht, doch zahlen Kunden heutzutage nur noch unter gerichtlichem Druck, was ein Startup recht bald in finanzielle Atemnot bringen kann. Also wechselte ich kurzfristig zum erstbesten Entwicklerjob ins Ruhrgebiet. Neue Wohnung, neuer Job, neue Leute und nebenbei die noch neue Beziehung auf Distanz. Ein Höhenrausch, aus dem ich mich oft genug herniedersaufen musste, um überhaupt noch Luft zu bekommen.

Kaum halbwegs orientiert, bereits in der Vereinsamung begriffen, zeichnete sich das Ende des arbeitgebenden Unternehmens ab. Mit Perlenintervention also ein neuer Job in Österreich. Wieder ein Umzug, wieder ein neuer Job, nach gerade mal 5 Monaten. Zum ersten Mal seit Jahren wieder in einer Wohnung mit anderen Menschen, derer auch gleich zwei. Nach drei Monaten die Erkenntnis: Es kommt noch ein weiterer dazu. Die Vorstellung, mit vier Personen und zwei Hunden in einer kleinen Mietwohnung zu hausen beschleunigte die Suche nach einem Eigenheim ungemeint. Besichtigungen, Verhandlungen, Planungen, Pläne über den Haufen geschmissen, fast aufgegeben, Hoffnung geschöpft, von vorne besichtigt, geplant, gebangt, verhalndelt und schließlich einfach gemacht.

Im gleichen Unternehmen, kurz nach erster Einarbeitung einen komplett anderen Job angefangen, erneut eingearbeitet und schließlich wieder zurück, um beide Jobs gleichzeitig zu machen. Die Existenzängste der Wirtschaftskrise hautnah erlebt und gespürt, die Grundangst nie wieder verloren. Auf Teufel komm raus versucht allen Anforderungen gerecht zu werden, allen Ansprüchen zu genügen, beruflich, wie privat, wie auch im neuerworbenen Haus, immer wieder auf die Schnautze gefallen, fast zusammengebrochen. Aber immer nur fast. Immer wieder die Frage an das Selbst, wie lange hälst Du das Tempo noch durch, immer wieder durch widrige Ereignisse an der Langeweile, an der Erholung gehindert worden, immer wieder die Frage, wer das denn alles bezahlen soll.

Meine Tochter ist gestern acht Wochen alt geworden. Sie hat mein Leben sicher nicht entschleunigt, aber eine alsbaldige Entschleunigung immer dringender nötig gemacht.

Momente des Innehaltens machen bewusst, was man verpasst, wenn man die Nase stets in den Wind hält, statt in den Augenblick. Diese Momente machen einem tiefsttraurig bewusst, was für ein großartiges Leben mit welch grossartigen Menschen man doch führen könnte, liefe man nicht andauernd im Schweinsgalopp daran vorbei. Ich möchte unendlich gerne langsamer werden, einen feineren Blick für mein Glück entwickeln, es atmen, spüren, schmecken, so unendlich gern die einen zerfressende Unzufriedenheit ablegen, die mich bitter werden lässt, endlich eintauchen ins Leben, es durchschwimmen, nicht darüberhinweg fliegen.

Aber ich weiss gerade nicht wie.

3 Kommentare zu “Zeitgalopp”

  1. Doktor Peh sagt:

    So einen Zeitgalopp kenne ich auch, ein wenig anders vielleicht. Aus einer Firma rausgekickt worden, da ich das Schicksal kommen sah und mein Maul nicht halten konnte. Den Aufschlag der Firma von aussen betrachtet und mir Sorgen um meine eigene Existenz gemacht. Mich geaergert, dass die Hauptschuldigen am Aufprall lustig weitermachten und die naechste Firma angingen, diesmal ohne mich.

    Ins Ausland gegangen, da im Inland nichts mehr zu gewinnen war. Die ganze Zeit dabei eine Beziehung aufrechterhalten, die mir nichts gab. Sicherheit vielleicht. Im Ausland die naechste Moeglichkeit, ebenfalls wieder auslandbezogen, gefunden und weitergemacht. Die Beziehung beendet, eine neue eingegangen, die so richtig im Grenzbereich faehrt.

    Der Galopp wird schneller im Moment.

  2. schwarzSicht sagt:

    Kommen Sie denn beim schneller werdenden Galopp überhaupt noch mit, oder wünschen Sie die Beschleunigung sogar? Mit dem Laufe der Zeit empfinde ich dergleichen immer mehr als Himmelfahrtskommando. Mann wird ja auch nicht jünger…

  3. Doktor Peh sagt:

    Ich greife hin und wieder bremsend ein. Speziell der kaufmaennische Bereich benoetigt eine fuehrende Hand.

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