Rike – Ein Kinderschicksal

Rike ist 11 Jahre alt, kerngesund, auf den ersten Blick ein lebhaftes, glückliches Kind.
Seit sie fünf einhalb Jahre alt ist, geht Rike zur Schule. Sie ist eine Einserkandidatin, immer gewesen. Sie geht nicht besonders gerne zur Schule, sie geht dorthin, weil man das eben so tut. Sie hat auch keinen großen Spaß am Auswendiglernen, aber eben damit hat sie den Erfolg, den ihre Eltern von ihr erwarten. Seit zwei Jahren geht sie nun auf das städtische Gymnasium, um sich auf das Studium vorzubereiten, wie man ihr gesagt hat.
Nach der Schule wartet zuhause schon ihre Mutter mit ihrer kleinen Schwester und dem Mittagessen auf sie, auch ihr Vater sitzt jeden Tag mit am Mittagstisch. Unmittelbar nach dem Essen, welches meist aus Zutaten aus biologischem Anbau zubereitet wurde, immer ausgewogen zusammengestellt ist und niemals zuviel Fett enthält, wird mit dem Vater und der zweieinhalbjährigen Schwester ein kleiner Spaziergang zur Kirche und wieder zurück unternommen. Jeden Tag die selbe Strecke, Kinder brauchen schließlich Struktur.
Nach dem Spaziergang stehen ihr genau eineinhalb Stunden zur Erledigung ihrer Hausaufgaben zur Verfügung, bevor ihre Mutter sie, je nach Wochentag, zum Balletunterricht, zur Geigen- oder Klavierlehrerin, oder zum Schwimmtraining fährt. Auf dem Nachhauseweg werden dann noch die Besorgungen des Tages erledigt und zuhause die bereits gemachten Hausaufgaben noch einmal durchgesprochen. Nach dem vitalen Abendessen ist Tagesrunde. Alle Familienmitglieder, auch die kleine Sophie, nehmen am zuvor abgeräumten und gereinigten Eßtisch Platz und berichten der Reihe um von den Ereignissen des Tages. Besonders spannend ist das nicht, denn es sind jeden Tag die gleichen. Jeder darf der Reihe nach jeden kommentieren, aber erst, nachdem alle gesprochen haben. Um nicht zu vergessen, was man kommentieren wollte, hat jeder ein persönliches Notizbuch, das die Mutter vor dem Gespräch jedem an seinen Platz legt. Anschließend Waschen, Zäheputzen, ab ins Bett. Rike darf noch dabei bleiben, wenn Mutter Sophie eine Geschichte vorliest, danach muss sie selbst auch schlafen.
Rike hat keine richtigen “Freundinnen” im eigentlichen Sinne. Sie spricht manchmal ein paar Worte mit den anderen Ballet- Musik- oder Schwimmschülerinnen, ab und zu wird sie auch auf einen Kindergeburtstag eingeladen, aber sie hatte noch nie das Gefühl, dass das ausrichtende Kind sie wirklich dabei haben wollte. Sie ist ein ruhiges, fast stilles Mädchen, das auf dem Pausenhof auch eher dabeisteht, statt sich an den stattfindenden Spielen, Streiterreien oder Scherzen zu beteiligen. Es ist nicht so, dass sie nicht mitmachen wollte, es fällt ihr einfach nichts ein, was sie beitragen könnte.
Im Unterricht ist Rike aktiv und meldet sich häufig. Praktisch immer weiss sie die richtige Antwort zu geben. Dinge, die sie nachlesen kann, sind ihr am liebsten. Sie geben ihr die Sicherheit, die ihr außerhalb des Klassenzimmers meist fehlt. Rike ist bewusst, das andere sie als “fade” empfinden. Ist sie ja auch, muss sie offen zugeben. Am Wochenende ist ihr oft langweilig, sie versucht dann ihrer Mutter im Haushalt zu helfen, oder hängt so lange an Vaters Nerven, bis dieser ihr eine Aufgabe stellt, die sie lösen kann.. Mit sich selbst beschäftigen konnte sie sich noch nie. Ihr fehlen die Ideen, was sie denn nur tun könnte, wenn es keine engen Rahmenbedingungen gibt, in denen sie sich bewegen, von denen sie sich leiten lassen könnte.
Schon als kleines Kind hatte sie niemals Barbiepuppen, wie ihre Mitschülerinnen, Lego, oder sonstiges Spielzeug aus Plastik. Ihre Eltern gaben ihr unbehandeltes Holzspielzeug, mit ökologischem Gütesiegel und dem Prädikat “pädagogisch wertvoll”. Ihr Vater hat ihr dann immer genau erklärt, wie sie mit den Sachen spielen muss, hat sie einmal einen Gegenstand entgegen seines Verwendungszwecks eingesetzt, wurde er ihr weggenommen.
Rike empfindet ihr Leben nicht als trist, denn sie weiss nicht, was trist bedeutet. Sie empfindet keine Begeisterung, keine überschäumende Freude, keine Aufregung, aber auch keine Angst, Wut, oder gar Verzweiflung. Nur Unsicherheit. Diese überfällt sie immer dann, wenn sie sich in einer Situation nicht an eine Verhaltensregel klammern kann, nicht nachlesen hat können, wie sie sich zu verhalten hat.
Rikes Leben ist durch eine schwere Behinderung gezeichnet: Sie ist ein Lehrerkind. Als Tochter zweier Gymnasialstudienräte (Mathematik und Deutsch) genoss sie schon im Säuglingsalter Frontalunterricht nach Lehrplan, Kreativität ist für sie ein Begriff ohne faßbare Bedeutung. Selbstständigkeit, so wurde ihr vermittelt, ist nicht etwa das selbstbestimmte Finden einer Situationslösung durch probierendes Handeln, sondern zu wissen, wo man die Lösung nachlesen kann. Seit sie auf dem Gymnasium zur Schule geht, an dem auch ihre Eltern unterrichten, halten sich andere Schüler nach Möglichkeit fern von ihr.
Rike wird einmal ein funktionierendes Rädchen in einem durch und durch fremdbestimmten System sein. Ihre erworbene, soziale Störung wird sie zuverlässig davor bewahren, mit anderen dergestalt in Kontakt zu treten, dass sie eine Eigendynamik entwickeln und damit vom ihr vorgegebenen Weg abweichen könnte. Rike ist das ultimative Produkt des mitteleuropäischen Schulsystems, das fleissige, nichts hinterfragende Arbeitsdrohnen produziert um die Regierbarkeit einer tumben Masse auch noch auf Jahrzehnte sicherzustellen.
05 Oktober 2009 um 10:19 am
So etwas Aehnliches habe ich mal in Ansatzpunkten mitbekommen, aber nicht mehr weiter ueber die Jahre verfolgen koennen. Da war anstatt Benjamin Bluemchen das Hoeren von Opern angesagt. Zaehlt das eigentlich schon unter psychischer Folter fuer Kinder?
Es scheint mir auch so, dass heutzutage Kinder kaum noch ihre Umwelt erforschen koennen und duerfen, wir sind frueher durch die Gegend “geraeubert” und haben so unser Wissen erlangt. Das Wissen, dass man sich auf Asphalt die Knie aufschuerft, dass Taschenmesser und Glasscherben eine gewisse Schaerfe aufweisen, die der Haltbarkeit von Menschenhaut ueberlegen ist, dass Feuer heiss ist. Heutzutage bekommen Kinder das hauptsaechlich uebers Fernsehen suggeriert, aber die Sensorik, die fuers Lernen wichtig ist, wird dabei ausgeklammert. Schade eigentlich.