schwarzsicht auf Twitter

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CoDepressionen

depression

Manchmal entgleiten einem Menschen vor den eigenen Augen. Manchmal auch auf die Distanz. Hilflos muss man diesen Prozess mitansehen, gefesselt an Konventionen, womöglich falsche Rücksichtnahme und vor allem an die berechtigte Angst, mit einer klaren Ansage alles nur noch schlimmer zu machen.

Da sind Menschen, die uns umgeben, die wir unser ganzes Leben lang kennen. In einem oftmals schleichenden Prozess der Annäherung und Entfernung voneinander unterliegen diese Beziehungen einer ständigen Veränderung. Mitunter aber zerbricht manches Mal etwas in einem Menschen, was seine Kontakte nach außen nachhaltig stört. Oftmals sind es innere Konflikte, die Menschen mit sich ausfechten, die sie letztlich auch ihr gesamtes soziales Umfeld in Frage stellen lassen. Was ehemals normal, oder gar als positiv empfunden wurde, wirkt irgendwann feindlich. Die Welt scheint sich gegen einen selbst zu stellen, Steine rollen von alleine in den Weg, hat es den Anschein.

Als außenstehender Beobachter ist man oft genug geneigt, verständnislos die Stirn zu runzeln, die man selbst so unbeeindruckt den Widrigkeiten des Seins bietet, was einem derart Betroffenen schlicht nicht mehr gelingen mag. Probleme und Konflikte dieser aus dem “Leben gerutschten” Menschen scheinen objektiv trivial, dennoch sind sie geeignet, den Inhaber in die Verzweiflung zu treiben.

Der Betroffene selbst realisiert meist nicht, oder sehr sehr spät, das im Prinzip er selbst Auslöser dieses unerträglichen Bewusstseinszustandes ist, lange Zeit wird jede eigene Beteiligung abgestritten und die Verantwortlichkeit wohlargumentiert an Dritte delegiert. Wobei “Verantwortlichkeit” nun in einem solchen Zusammenhang auch kaum existiert. Es ist immer ein vielschichtiges Konglomerat an Umständen, Ereignissen und Befindlichkeiten, die einen Menschen in seinem Selbst ins Taumeln geraten lassen, woran sollte er sich denn festhalten, wenn nicht primär an sich selbst? Wo alles andere doch wegzubrechen scheint? Wer niemandem mehr traut, tut sich schwer einzugestehen, dass der einzige Weg aus der persönlichen Krise nur bedeuten kann, der eigenen, seelischen Erkrankung, damit also einem Teil von sich selbst, nicht weiterhin unbedingtes Vertrauen entgegenzubringen, denn diese ist es im Wesentlichen, die die Umgebung fälschlicherweise in ein unwirtliches Licht aus Feindseeligkeit, Hoffnungslosigkeit und Tristesse taucht.

Als emotional beteiligter “Zuschauer” darf man sich getrost als angeschissen betrachten. Einerseits Mitopfer des emotionalen Aufs und Abs eines geliebten Menschen, andererseits aus dessen Blickwinkel womöglich Mittäter, vielleicht sogar Auslöser der Höllenqualen. Einerseits über hinreichend Leidensdruck und Klarsicht verfügend, endlich einmal auf den Tisch zu hauen und zu sagen, was gesagt werden muss, andererseits die berechtigte Befürchtung, vom Betroffenen mit wehrhaftem Groll bedacht und gänzlich augeschlossen zu werden. Die Vorsicht, nicht doch einmal das Falsche zu sagen, den falschen Blick aufzusetzten, oder nur im falschen Moment zu atmen wird zum ständigen, überaus zermürbenden Begleiter, wie auch die Schuldgefühle, vielleicht doch etwas grundlegend falsch gemacht zu haben. Die meist ungewollten, vorwurfsvollen Blicke der Betroffenen werden zu ewig stechenden Fakirsnadeln, denen kein Trancezustand Herr werden kann.

Nennen wir das Kind beim Namen: Wir sprechen über eine Depression. Nicht über eine spezielle Ausprägung, sondern ganz allgemein über den Dämon in Psychopathogeneseform, der unzähligen Menschen, aus unzähligen Ursachen unzählig vielschichtige Beschwerden bereitet. Eine Depression aus eigener Kraft zu überwinden ist fast aussichtslos. Es stellt sich häufig einmal Besserung ein, doch selten bleibt ein Rezidiv aus. Einmal Bekanntschaft mit einer Depression gemacht, wird diese lebenslanger Begleiter, mit dem man zu leben lernen muss, was aber in den meisten Fällen mit der richtigen Hilfe unter Rückgewinnung der Lebensqualität sehr gut möglich ist.

Aber erst einmal muss man sich eingestehen, betroffen zu sein. Loslassen von der erdrückenden Pseudoerkenntnis, die Welt, vor allem die Menschen, hätte(n) sich gegen einen selbst verschworen. Man selbst hat es. Niemand sonst. Kein zelebrierter Selbsthass, kein Selbstmitleid, keine noch so verlockende Auszeit während der Betäubung mit Alkohol oder sonstwelchen Drogen kann langfristig darüber hinwegtäuschen.

Die Therapie kann ganz einfach sein: Primär wird eine Linderung der Akutsympthomatik mit einem antidpressiven Medikament angestrebt werden, wobei einige Versuche bis zum individuell optimalen Präparat in optimaler Dosis nötig sein können. Wegen der Gefahr, nach Wiedererhalt von Lebensenergie durch das Medikament, aber der noch andauernden Episode suizidale Tendenzen aufzuweisen, sollten Antidepressiva zu Therapiebegin niemals ohne therapeutische Überwachung und niemals bei komplett abgeschirmten Personen ambulant eingesetzt werden. Nachdem sich die allgemeine Stimmungslage verbessert hat und der Leidensdruck abnimmt, sollten die Ursachen der Depression, soweit erforschbar, in einer Psychoanalyse abgeklärt werden, mit der Depression  zu leben lernt man Schritt für Schritt, ganz ohne Druck und Hektik, in einer Verhaltenstherapie.

Ich kenne mich aus, im Leben mit einer Depression. Fürwahr. Doch als Zuschauer blicke ich auch nur fassungslos, hilflos und in furchtsamer Starre auf das unendlich schmerzhafte Schauspiel der sinnlosen Selbstzerstörung, der eigeninitiierten Demontage von Lebensfreude, Stolz und Würde.

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