10 Jahre elektronische Datenverunstaltung (II)

Viel reden. Immer viel mit den Leuten reden. Besser dreimal gesagt, das man noch kein Ergebnis hat, als den Kunden bis zur Fertigstellung schweben zu lassen. Wenn man viel mit den Leuten redet, fühlen die sich wichtig. Und wichtige Menschen möchten ihren Status behalten, darum machen sie sich nützlich.

Mit diesem Motto gelang es mir, mich von meinen Kunden, die ich eigentlich betreuen sollte, nach und nach in die Materie einarbeiten zu lassen. Mit enormem Zeitaufwand war dann irgendwann auch der ganz normale Geschäftsalltag zu bewältigen. Aus 30 Kunden wurden dann 50, bald 70 und schließlich über hundert. Mein monatelanges Flehen nach Verstärkung wurde irgendwann erhört, es wurde erst ein Team, später eine Abteilung gegründet, deren Leitung mir oblag.

Bald war mein Job nicht mehr die Beantwortung von Kundenanfragen, sondern die Ausbildung und “Überwachung” derer, die Anfragen bearbeiten sollten. Zunehmend beschäftigte ich mich mit Produktmanagement, bildet quasi eine Brücke zwischen Kundenbetreuer (und damit dem Kunden) und Entwicklern, was die Produktqualität signifikant verbesserte. Als ich richtig Ahnung hatte, musste ich zunehmend eigene Projekte umsetzen, Schulungen abhalten und wurde zu guter Letzt als Einmann-Deeskalationstrupp komplett verheizt. Ich arbeitete sieben Tage die Woche, immer noch 18 Stunden am Tag und besaß absolut gar kein Privatleben mehr. Tagsüber Reisetätigkeiten, zwischendurch Fernkoordination meiner Abteilung, abends Terminnach- und -vorbereitungen, Korrespondenz und Konzeptionelles. Am Wochenende dann alles, was meine Schergen über die Woche liegen gelassen hatten.

Unser Geschäftsführer mischte sich im Zuge der angestrebten ISO-Zertifizierung immer mehr in meinen Verantwortungsbereich ein, bald gab es jeden Morgen und jeden Abend eine “Andacht” zu der harte Worte wahrlich nicht gelassen laut ausgesprochen wurden. Als mir dann auch noch die privaten Klüngeleien meiner Untergebenen den letzten Nerv raubten (“Mit dem arbeite ich nicht mehr zusammen, entweder der geht, oder ich” – “OK, ihr geht beide. Penner”), riss mir irgendwann der Geduldsfaden und ich kündigte. Unser Entwicklungsleiter kam mir noch auf der Strasse hintergerannt und ging erst mal nen Schnapps mit mir trinken. Am nächsten Tag stellte er mich bei gleichen Bezügen als Entwickler wieder ein.

Eine deutlich ruhigere und viel interessantere Zeit brach an. Ich arbeitete mich, völlig frei in meinem Tagesablauf, in drei bis fünf Entwicklungsplattformen ein und erhielt schließlich den Auftrag, zusammen mit einem Referenzkunden ein elektronisches Archiv mit Dokumentenmanagementsystem komplett neu zu erarbeiten. Ich hatte drei Jahre Zeit und war in jeder Hinsicht frei in meinen Entscheidungen und Anforderungen. Das waren, beruflich gesehen, die drei wundervollsten Jahre, die ich je hatte. Von allem etwas: Planung, Kundentermine, Konzepte, Entwicklung, Tests, Präsentationen.

Nach erfolgreichem Projektabschluss verließ uns unser Entwicklungsleiter und ich wurde in die Reihen der anderen Entwickler reintegriert. Geringfügig ob der verlorenen Freiheit demotiviert, programmierte ich noch zwei Jahre vor mich hin, bis das Unternehmen von einem größeren Fisch geschluckt wurde und absehbar war, das die Entwicklung eingestellt werden würde. Mit einem guten Deal verließ ich den Laden und versuchte mich primär auf eigene Beine zu stellen.

Ich entwickelte ein paar Ablese- und Meldesysteme für kommunale Energieversorger, ein paar Tools für die kommunalen Verwaltungen und traf hier und da Leute, um über meine Ideen zu sprechen. Es ließ sich alles sehr gut an, sollte man meinen, doch ich hatte meine Rechnung ohne die Zahlungsmoral öffentlicher Auftraggeber gemacht: Trotz Fertigstellung und Abnahme zahlten die einfach nicht. KEINER von denen. Nicht einen Cent.

Alsbald ausgehungert, suchte ich mir wieder einen Job. Es verschlug mich von Düsseldorf ins Ruhrgebiet, dort als C# Entwickler für einen Hersteller arbeitsmedizinischer Industrielösungen. Alsbald übernahm ich die Stelle “Forschung”, wo Machbarkeitsanalysen und Plattformtests meine Hauptaufgabe wurden. Insgesamt kein langweiliger Job, aber das merkwürdige, mehr als distanzierte Betriebsklima machte krank. Es zeigte sich auch recht bald, dass das Hauptprojekt des Kleinunternehmens zum Scheitern verurteilt und der Fortbestand der Firma damit mehr als zweifelhaft war. Also machte ich die Ratte und verließ das sinkende Schiff gen Österreich, was mir hinsichtlich der Beziehung zur Perle mehr als Recht sein konnte.

Hier angekommen, stellte ich enttäuscht fest, das Dynamics AX Coding in X++ nicht mehr wirklich viel mit Programmierung zu tun hat. Ein viel zu enges Framework, deutlich zu spezialisiert, für meinen Geschmack. Aufgrund der knappen Auftragslage hat man mir dann die Verantwortlichkeit für die zugekaufte Business Intelligence Lösung übertragen. Kaum erwähnenswert, das ich mit BI bislang absolut nichts am Hut hatte… Dies bedeutete nun Support, Implementierung und Consulting. Und weils sonst langweilig wäre, entwickle ich paralell in AX weiter.

Aktuell betrachte ich mich jobmässig als ausgebrannt. Es wäre dringend Zeit für eine signifikante Veränderung, aber der Schub fehlt. Ich bin müde, gelangweilt, kraftlos und desinteressiert. Das Gefühl, alles schon einmal gesehen und/oder gemacht zu haben dominiert.

Ich habe Support für zahllose, unterschiedlichste Software geleistet, habe Schrott auf Messeständen bei der cebit und sonstigen Brachnestammtischen präsentiert, Kunden analysiert, beplant, geschult, große Unixnetzwerke administriert, Windows-Serverfarmen verwaltet, in 5 Sprachen programmiert, zu jeden noch so bescheuerten IT-Problem eine Lösung gefunden und nicht zu Letzt eine gottverdammte Menge Kaffee gekocht. Vielleicht sollte ich tatsächlich eine Currywurstbude in Österreich aufmachen, wenn nur das Investitionsrisiko nicht wäre…

Wenn da also jemand einen Job als repräsentativer Geschäftsführer einer Firma für was auch immer für mich hätte, ich sähe mir das dankbar an. Wichtig wäre mir nur, dass man mir keinerlei Verantwortung überträgt, man mich in Ruhe lässt und keinen Stress macht und die repräsentativen Termine sich in Grenzen halten und nach Möglichkeit was mit Saufen zu tun haben. Für 150 K/pA und ner E-Klasse T-Modell als Firmenwagen bin ich dabei und verzichte auf jedwede Boni. Könnte sich rechnen… Dafür biete ich Grundkenntnisse in allen denkbaren Wissensgebieten und ein Labermaul, das mich in all diesen als Experte erscheinen lässt. Außerdem stehen mir Anzüge. Angebote bitte an licht@schwarzsicht.at Danke.

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