Nüchternheit

Während Frauen sich Ihre Sorgen und Nöte von der Seele zu quatschen pflegen, gehen Männer mit seelischen Druck meist stillschweigend um. Sie reagieren sich ab, beim Sport, im Gesicht eines Dahergelaufenen oder der eigenen Ehefrau, im Puff oder auch im Job. Oder sie saufen.
Stress beispielsweise ist eine kumulative Emotion. Sprich: Sie häuft sich an. Stressfaktoren multiplizieren sich, statt sich schnöde zu addieren, weshalb es in aller Regel auch viel länger dauert, Stress abzubauen, als ihn zu bekommen. Wer nicht über geeignete Strategien zur Verarbeitung verfügt, wird seinem Stress früher oder später erliegen, sofern er welchen hat.
Ich, in meiner Eigenschaft als stinkendfauler Workaholic (diese Ambivalenz ist das Pulver im Fass, auf dem ich sitze…), habe mich Freitagsabends schon immer sehr gerne bei Bier und Schnapps anästhesiert. Der Vorteil einer Trunkenheit ist beispielsweise auch, das man als ehrgeiziger Spinner gerade einmal nicht vom schlechten Gewissen heimgesucht wird, wenn man sich erdreistet, sich einmal beim Nichtstun zu entspannen. Alltagsängste fallen von einem ab, die Gedanken werden leicht und beflügelt vom Schwachsinn eines vergifteten Gehirns.
Es ist erstaunlich, wie schnell sich eine derartige Strategie ins persönliche Handlungsmuster brennt. Ich kann mich tatsächlich an Situationen erinnern, in denen ich private Termine freitagsabends abgesagt habe, da sie mich am Saufen gehindert hätten. Welch Irrsinn!
Nach einem ersten, abstinenten Wochenende bin ich hinsichtlich meiner Befindlichkeit diesbezüglich zwiegespalten: Einerseits war es gar kein Problem, ich hatte nicht so etwas wie “Saufdruck” oder musste mich zum Nichttrinken zwingen, andererseits ist da aber auch das ständige Gefühl, etwas zu verpassen, oder etwas verpasst zu haben. Der Gedanke ist nicht konkret da, aber es fühlt sich an wie: “Ohne Alkohol ist alles fade und sinnlos”. Was selbstverständlich völliger Unsinn ist.
Ganz offensichtlich wurde mein Hirn durch all die jahrelangen Parties, die wochenendlichen Exzesse und immer gleiche Verhaltensmuster dahingehend konditioniert, das jedwede Form von Spass einen direkten Bezug zum Konsum alkoholischer Getränke haben muss. Nach wie vor kann ich mir nichts ätzenderes und abschreckenderes vorstellen, als glockennüchtern Gast auf einer Party zu sein.
Abends Internet? Foren? Gar chatten? Meine jahrelangen, abendlichen Hauptbeschäftigungen? Ohne Alkohol unvorstellbar. Langweilig, uninteressant.
Schätzungsweise hätte ich meine liebe Not, mein zukünftiges Dasein wohlwollend zu betrachten, hätte ich mich zu einer unbefristeten Abstinenz entschlossen. So weiss ich jetzt bereits, wann ich zumindest wieder dürfte, wenn ich noch wollte. Das beruhigt. So krank es auch sein mag.