Die unerträgliche Langsamkeit des austrianischen Bergvolks

Kulturelle Unterschiede sind die Würze des globalen Dorfs, die Essenz sozialer Langstreckenvernetzung und vermutlich die letzte Rettung für den Genpool der Menschheit. Meist jedoch vermutet man sie zwischen Kulturen mit einer gewissen räumlichen und religiösen Distanz, selten im Innersten des deutschsprachigen Raumes. Doch auch dort existieren sie, sorgen, wie überall, für Lust, wie auch für Frust.
Als “Piefke” in Österreich hat man seinen Ruf bereits mit Bekanntwerden seiner Herkunft, also mit dem ersten gesprochenen Wort, weg: Arrogant, fordernd, anmaßend, überkorrekt, schulmeisterhaft, schlicht und ergreifend: Ein Arschloch!
Es ist einem als Deutscher definitiv nicht möglich, einen Österreicher über seine Herkunft zu täuschen. Der Österreicher kann überlicherweise deutsche Dialekte und Akzente zielsicherer geographisch zuordnen, als jeder Deutsche selbst, was vornehmlich daran liegen dürfte, das man in Österreich bereits seit Jahrzehnten den Horden preussisch-proletischer Urlaubsbesatzer aus den verschiedensten Gegenden exponiert ist, was überdies auch das im Durchschnitt ganz sicher nicht positive Menschenbild des Österreichers über den Deutschen maßgeblich geprägt haben dürfte.
Als “Piefke” hat man so direkt kein Bild des typischen Österreichers vor sich. Werden die Bayern von Restdeutschland noch ein wenig liebevoll belächelt, verbindet man mit Österreich allenfalls den Wiener “Schmäh”, ist jedoch ganz allgemein äußerst offen eingestellt. Nach meiner Erfahrung.
Nach nunmehr zehn Monaten Leben und Arbeiten in Österreich steht mir das Urteil zu: In Österreich gehen die Uhren noch anders! Langsamer. Auch wenn dies mich beruflich nicht betrifft, denn dieser Business ist weltweit überall schon aus Prinzip immer über alle Maßen gehetzt.
Aber außerhalb des Software- Medien- und Projektgeschäfts ist der Österreicher an sich ein gemütlicher Lebemann, beziehungsweise eine gemütliche Lebefrau. Das beginnt an der Kasse im Supermarkt, wo sich auch im Aldi-Pendant Hofer die Kassierinnen zwischen den einzelnen Handstreichen der Artikel am Scanner vorbei immer gerne mal eine Verschaufpause gönnen, geht weiter über die Bäckereifachverläuferin, die für eine halbe Wurschtsemmel auch schon mal eine Viertelstunde beschäftigt ist, bishin zum KFZ-Mechaniker bei ATU, der für den Wechsel eines einzelnen Reifens exakt so lange benötigt, wie der in Düsseldorf für immerhin vier. Selbst die türkischen Einwanderer der Dönerbude passen sich nur zu gerne der landestypischen Arbeitsgeschwindigkeit an, brauchen somit auch schon mal 20 Minuten für zwei Döner und ein Lahmacun. Schnellrestaurants heißen in Österreich nur deshalb SCHNELLrestaurant, weil die Mitarbeiter systembedingt geringfügig schneller müde werden, dergleichen Titel wirkt sich jedoch keineswegs auf die Arbeitsgeschwindigigkeit, bzw. die Wartezeiten aus.
Es gibt tatsächlich kaum Schöneres, als die austrianische Gemütlichkeit an Leib und Seele zu erfahren: Bei einer urigen Jause, einer Hüttengaudi oder dem köstlichen Holzofenschweinsbraten beim Bauernwirt. Überall weiss der Alpenländer mit seiner ihm eigenen Liebenswürdigkeit, seinem dezenten Humor und seiner entwaffnenden Ehrlichkeit eine lustvolle Athmosphäre sonntäglichen Müßigganges zu verströmen.
Ich genieße das allermeist wirklich sehr und vermutlich war eine gewisse Entschleunigung im Alltag bei mir wirklich allerhöchste Zeit, doch mitunter, nach einem langen , nervenaufreibenden Arbeitstag, in einem gehetzten Rennen gegen die hier noch sehr restriktiven Ladenöffnungszeiten, könnte man als ehemaliger Bewohner einer deutschen Grossstadt schlicht den Verstand verlieren. Wie oft erwische ich mich, wenn die ultraslowcruisenden Viehstallchecker in gepimpten Reisschüsseln und Skodas mir auf der Straße fast stehend den Weg versperren, oder wenn sämtliche Supermarktbesucher in eine Art regungslose Stasis gefallen zu sein scheinen, mit “Zeit isse BAGSCHISCH, ANDALEEE!!!!!!”- Rufen und Reitgertenhieben das lahmende Gebirgsvolk nach Art eines südafrikanischen Massas auf Touren bringen zu wollen…
Doch es nützt ja nichts. Ich bin hierher gekommen, aus freien Stücken, und fühle mich sauwohl. Also ist es an mir, mein inneres Tempo der hier realen Außenwelt anzupassen, keinesfalls umgekehrte Erwartungen zu stellen. AUCH WENN ICH MANCHMAL NUR NOCH SCHREIEN KÖNNTE!!!!
Aber das Prinzip entbehrt nicht einer gewissen Logik: Langsamer sein, bedeutet weniger Stress. Weniger Stress bedeutet länger zu leben. Also hat man eh viel länger Zeit zum Trödeln…