IT – Alchemie

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Schon in grauer Vorzeit versuchten unsere Ahnen, auf einfachem Wege schellen Reibach zu generieren: Sie nahmen Materialien minderen Wertes zur Hand und versuchten diese in unterschiedlich aufwändigen Verfahren zu Gold zu verwandeln. Dabei waren sie äußerst selten erfolgreich, meist sprengten sie sich mangels hinreichendem Fachwissen selbst in die Luft. Dergleichen passiert heutigen Alchemisten nur noch in Drogenküchen für aufputschende Chemiepülverchen, im IT-Sektor ist die Alchemie zum wahrgewordenen Goldesel gereift.

Chemisch und physikalisch gilt es längst als erwiesen, Gold lässt sich nicht wirtschaftlich aus Fremdmaterialien herstellen. Der Enegieaufwand und der Wert der verwendeten Grundstoffe würde synthetisches Gold um ein Vielfaches teurer machen, als konventionell Abgebautes. Gerade im Geschäftsfeld der Bits und Bytes aber stieß man in den letzten Jahrzehnten auf einen bislang kaum bekannten Katalysator, der praktisch jede physikalische, mathematische und rationale Gesetzmäßigkeit schlicht aufzuheben vermag:

Das Marketing

goldpoop

Die Fähigkeit, ein schlechtes Produkt in gutes Licht zu setzten, Bedarf zu wecken, wo keiner ist und den addressierten Käufer unterschwellig derart zu manipulieren, das er von einer rationalen Kaufentscheidung Abstand nimmt, um allein seinen Trieben, Gelüsten und implizierten Eingebungen zu folgen, ist mehr gefragt denn je. Wurden in früheren Zeiten Produkte für gewöhnlich erst dann auf den Markt gebracht, wenn der Entwicklungsprozess abgeschlossen war, ist dafür heute allermeist keine Zeit mehr. Der Kunde finanziert bereits die Produktentwicklung, somit sind Investitionsrisiken überschaubarer und ein Produktlebenszyklus früher in der Gewinnphase angekommen.

Ein wirklich gutes Produkt braucht kein Marketing, es spricht für sich selbst.

Nirgendwo sonst wird mehr Schindluder mit dem “Opfer” Kunde getrieben, wie bei der Softwareentwicklung. Auch in zehn Jahren Berufserfahrung durfte ich noch nicht ein einziges Mal erleben, das ein Produkt auch nur ansatzweise fertig war, bevor es ausgeliefert wurde. Die Regel ist sogar, dass ein Produkt zum Zeitpunkt des Verkaufs nicht einmal existiert.

Überall sonst wird, wenn man vier verschiedene Sorten Scheiße in unterschiedlichen Mengenverhältnissen miteinander vermengt, nicht als Scheiße dabei herauskommen. Anders in der Softwareentwicklung:

Man nehme ein Windowsbetriebssystem, einen Microsoft Datenbankserver, eine abgegriffene, gestohlene Idee und setzte diese mit dem Microsoft .NET Framework in kurzer Zeit um. Im Ergebnis erhält man ein absolut unbrauchbares, nutzloses Produkt mit unzähligen Fehlern, grottenschlechter Performance und mystischen Seiteneffekten, kann dies aber verkaufen wie warme Semmeln zur Winterszeit. Zu einer Hungersnot.

Bislang war ich an vier sehr unterschiedlichen, aber recht umfangreichen .NET-Projekten als Entwickler beteiligt. Aus keinem einzigen ist aus technischer Sicht wirklich etwas geworden: Anfangs funktionsarm, später furchtbar langsam, letztlich unbrauchbar dank Spaghetticode, den .NET provoziert wie ein rotes Tuch den Bullen. Alle vier Produkte waren jedoch wirtschaftlich mehr als erfolgreich.

Ich begreife bis heute nicht, wie die Marketingleute das machen: Oft genug gelingt es ihnen sogar, den Kunden glauben zu lassen, etwas funktioniere, was es nie tat. Er glaubt es und hinterfragt nie wieder!

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