Dekarnevalisiert
Titten, Tüten, Tätarä. Nein, das wird kein karnevalskritischer Beitrag. Im Gegenteil. Schickt den Rheinländer, egal wie abgeklärt, wie proletenfrohsinnsfeindlich und unkonventionell in der Selbstreflektion auch immer, ins Exil, und beobachtet, wie er trotz aller guten Fastelovensemmigrationsabsichten, schlicht zu Grunde geht.
(Rosenmontag, Bolker Straße Düsseldorf, meine Wenigkeit im Kreise meiner ehrfürchtigen Fans. Die, die noch nicht umgehauen waren. Zumindest.)
Echt jetzt, ich hatte nie wirklich was mit Karneval zu tun. Im Gegenteil, ich verurteilte seine augenscheinliche Abhängigkeit von bewusstseinsverändernden Drogen und seiner aufgesetzt aufgeklärten Legitimierung von weiblichem Schlampentum allgemeiner Promiskuität zutiefst.
Und dennoch war ich Zeit meines Lebens immer mitten im Trubel. Da waren Jahre, da habe ich locker mein Leben riskiert, um meinen Ruf vom Partyletzten aufrechtzuerhalten… Arbeite mal einer Doppelschichten in der Notaufnahme und ersetzte den zwischen zwei ebensolchen zwingend notwendigen Schlaf durch Koks und Nutten, sowie der zum nächsten Dienstantritt obligatorischen Ringerlösung-Vomex-INTRAVENÖS-Kur. Spätestens Sonntag haut es einen um. Bei mir war es in der Regel Samstag. Aber ich habe auch im Dienst weitergefeiert. Ohne Koks, nur mit Nutten. Verantwortungsbewusstsein, und so…
Dieses Jahr ist mein Zweites, so ganz ohne Karneval. Letztes Jahr um diese Zeit beschäftigte ich mich mit der Verlagerung meines Wohnsitzes. Sprich: Morgens um sechs raus, Kisten ins Auto schleppen, anderthalb Stunden zum künftigen Wohnort fahren, dort zwölf Stunden arbeiten, dann Kisten ausladen, noch etwa fünf Stunden Tapeten kratzen, kleben und bemalen, dann noch anderthalb Stunden Rückweg nachhause und kurz aufs Weckerklingeln warten.
Und doch war Karneval. Ich sah in Düsseldorf immer wieder Maskierte, vor allem aber Besoffene, die mich an vergangene Karnevalsexzesse erinnerten und mir ein hämisch bis neidisches Grinsen auf die abgehalfterten Umzugsleftzen gossen. Es war ja nur ein Jahr, das ich verpasste, umso cooler, das ich märtyrerhaft meinen Umzug scheissallein durchgezogen habe. Wer hat das schon mal?
Dieses Jahr ist alles anders. Zwar bin ich nochmal alleine umgezogen, aber es ist schon fertig. Und hier gibt es keinen Karneval. Wem das ebenso abstrus vorkommen mag: Es stimmt wirklich! Bald ist schon Samstag, ich habe noch keine spontane Party auf der Strasse beobachtet, geschweige denn auch nur einen maskierten Menschen.
Gott sei Dank. Ich fand Karneval ja schon immer saublöd, aufgesetzt und affektiert.
Aber Scheisse, ich könnte heulen. Irgendwas fehlt mir doch. Die temporär legitimierte Zügellosigkeit, die mir sonst das ganze runde Jahr nur verstörte Blicke einbringt, wurde früher einmal im Jahr zu meinem Potenzial. Jetzt sitz ich hier. Und schäme mich fast vor mir selbst, wenn schon nicht vor Anderen, und Andere nicht für mich. Ein Verzweiflungsschämen, sozusagen!
Ich bin ein reumütiger Karnevalsflüchtling. Und ich bedaure bitter.