Retro – Spectat 2008
Jahresrückblicke sind derweil allgegenwärtig und mir schon von daher unsympathisch. Mein persönliches Jahr 2008 war jedoch derart bewegt und von tiefschürfenden Änderungen geprägt, dass ich fast selbst befürchte, beizeiten den Überblick zu verlieren.
Wow. Es ist eine Menge geschehen. Das meiste davon wird signifikante Auswirkungen auf den Rest meines Lebens haben. Um ein Fazit jedoch gleich vorwegzunehmen: Es waren fast ausschließlich positive Änderungen. Kräftezehrend, aber überaus positiv.
Nachdem ein Zerwürfnis mit meinem damaligen Arbeitgeber mir bereits im Septempber 2007 die dortige Weiterbeschäftigung unmöglich gemacht hatte, verbrachte ich die ersten beiden Januarwochen als die letzten eines fast fünfmonatigen Experiments beruflicher Selbstständigkeit, dass jedoch im Wesentlichen an der praktisch nicht mehr existenten Zahlungsmoral deutscher Mittelstandsbetriebe und Behörden gescheitert war. Es ist auf Dauer einfach nicht leistbar, 14 bis 18 Stunden am Tag in Projekte zu investieren, die trotzt fristgerechter Lieferung nicht entlohnt werden.
Den Neujahrstag und die erste Januarwoche verbrachte ich bei der Perle in Österreich, mich noch wie im Urlaub fühlend, nicht ahnend, wie bald und wie dauerhaft ich zurückkehren würde. Die zweite Januarwoche stand ganz im Zeichen der mentalen und intellektuellen Vorbereitung auf den neuen Job, den ich am 15.01.2008 im Ruhrgebiet antrat. Zwar handelte es sich wieder um eine Tätigkeit als .NET – Entwickler, doch technisch deutlich anspruchsvoller als zuvor.
Bis Mitte Februar fuhr ich also jeden Tag von Düsseldorf nach hinter Dortmund, dabei den armen Hund oft 12 Stunden alleinelassend, mit entsprechend schlechtem Gewissen und auf dringlichster Wohnungssuche. Schon zum 15.02.2008 begann ich meinen Umzug in ein zweieinhalb tausend Seelenkaff am Rande des Sauerlandes. Wie immer alleine und neben einem zeitlich sehr aufwändigen Job. Schon während der Renovierung meiner wunderhübschen Dachgeschosswohnung in einem alten Bauernhaus am Ackerrand mit Ruhrnähe schlief ich die meiste Zeit dort auf einer Luftmatratze, da mir die Fahrerei zu viel Zeit wegfrass. Ich lernte zu Tapezieren, meine illustren Hausmitbewohner kennen und wie man mit 3 bis 4 Stunden Schlaf pro Nacht mehr schlecht als recht überlebt. Erst Ende März hatte ich die letzte Fuhre aus Düsseldorf mittels Minivan transportiert und meine alte City-Wohnung im Streit an meine frühere Vermieterin übergeben. Diese war der Ansicht, eine Endrenovierung schlösse auch die Neuverfliesung eines Bads und die Erneuerung sämtlicher Bodenbeläge mit ein, mein Angebot, doch einmal gustatorisch Bekanntschaft mit meinem haarigen Arsch zu machen, lehnte sie jedoch überraschend ab.
Mein neues Domizil lag nur zwei Kilometer von meinem neuen Arbeitsplatz, der mich trotz technischen Anspruchs aufgrund verschrobenster Kollegen und eines stocksteifen, schwerstspießigen Betriebsklimas in höchstem Maße frustrierte. Nebst mir wohnte die verbittert-aggressive Vermieterwitwe, die mir jedoch schon bald aus der Hand fraß, ihr geistig sicher nicht überbelichteter Sohn mit unbrechbarem Rede- und Geltungsdrang, seine psychotische Freundin, deren Kuckuckskind, eine spleenigen und zu Depressionen neigende Kioksbetreiberin aus Dortmund und deren dem Alkohol lauthals zusprechenden Lebensabschnittspartner unter dem gleichen, baufälligen Dach. Die Abende verbrachte ich bier- und schnappstrinkend im unfreiwilligen Belauschen dörflich-proletenhafter Streitigkeiten, in langen Telefonaten mit der Perle und mit dem dauerschwadronierenden Sohn der Hausherrin, oder aber der hysterisch heulenden Kioskdame auf meiner Couch. An den Wochenenden, wenn nicht perlenbesucht, vereinsamte ich zusehends, mein Umfeld vermochte mich keineswegs zu stimulieren, so wie mich der Job praktisch nicht motivieren konnte.
Bei einem Besuch in Österreich Ende Mai eröffnete sich plötzlich eine ungeahnte Alternative: Eine Freundin der Perle hatte hier ein verhältnismäßig ansprechendes Jobangebot für mich, ein eilends an einem Samstagnachmittag abgehaltenes Vorstellungsgespräch verwandelte dies in eine feste, arbeitgeberseitige Zusage. Als abzusehen war, dass ein für den aktuellen Arbeitgeber lebenswichtiges Projekt zu scheitern drohte, war die Entscheidung pro Auswanderung bereits getroffen, zumal die Fernbeziehung und die damit verbundenen Reieseaktionen (vor allem für die Perle) uns bereits mürbe zu machen begannen.
In einer eiligen Aktion unterschrieb ich also einen Arbeitsvertrag, kündigte sämtliche Verbindlichkeiten in Deutschland, schleppte all mein Hab und Gut temporär in eine Garage und machte mich Ende Juni mit nur dem Notwendigsten und dem Hund im Minivan auf den Weg gen Südosten. Bis Köln sollte ich kommen, dort blieb ich mit einem Motorschaden auf der Autobahn liegen. Der freundliche und absolut empfehlenswerte ADAC rettete mich aber aus meiner Notlage, schleppte mein Auto zurück nach Menden und stellte mir einen Mietvan zur Verfügung. Nach dem Umladen begann ich also, mit sechs Stunden Verspätung, meinen Umzug erneut.
Meine restliche Habe, die dem Sperrmüll entgangen war, holten die Perle und ich Ende Juli in einer abenteuerlichen Aktion mit einem mehr als klapprigen Malerfahrzeug, mein zwischenzeitlich mit einem Austauschmotor versehener Minivan folgte im Oktober.
In Österreich angekommen, zog ich ohne Umwege gleich mit Perle und Anhang in die kleine 3 ZKB Wohnung, gegenüber deren Lage die 5th Avenue wie ein lauschiges Dorfsträßchen anmuten muss. Lärm und Hektik allerorten, doch Rettung naht in Form eines für 2009 geplanten Hausbaus. Die meiste Zeit verbinge ich sowieso in einem Job, der sich deutlich langweiliger, wenn auch fordernder gestaltet, als gedacht. Zum 2. Mal in einem Jahr musste ich alles neu lernen, nur um nach drei Monaten in ein komplett neues Tätigkeitsfeld zu wechseln, dessen Einarbeitungsphase noch immer anhält. Microsoftsches Mausgeschubse ist mein Geschäft, es quält, doch es ernährt mich.
Seit Anfang November erwarten wir nunmehr ein Kind, was wir seit Ende November gesichert wissen. Damit sind die Karten auf unglaublich ergreifende Weise neu gemischt, Bedeutungshierarchien zerschmettert und der Fokus ganz neu justiert. Passenderweise habe ich, ebenfalls im November, in Unkenntnis auch endlich meine seit fünf Jahren fällige Scheidung in die Wege geleitet.
Experimente, Riskiken und halsbrecherische Spontanaktionen sind bis auf weiteres gestrichen, der böse Onkel wird nun braver, treusorgender, zuverlässiger Familienvater. Und er lernt, seine pathologischen Ruhe- und Rückzugsbedürfnisse zu ignorieren und muss bald auch seinen sich immer wieder verbal entladenden Jähzorn unter Kontrolle bekommen.
In 2008 habe ich vermutlich so wenig gesoffen und gefeiert, wie seit vielen Jahren nicht mehr, obwohl sich das Jahr ersteinmal heftig angelassen hatte. Zwischenzeitlich bin ich froh, wenn ich es nach drei oder vier Bier noch bis ins Bett schaffe und nicht ohnmächtig am Rechner zusammenbreche. Aber das ist gut so. Sagt meine Leber und meine neu erwachte Vernunft.
Viele Opfer foderte das letzte Jahr: Mit einigen Menschen habe ich für immer gebrochen, vier von fünf Webprojekten aufgegeben und nur zwei Neue gestartet. Meine “Heimat” endgültig verlassen und alle Brücken hinter mir eingerissen.
Alles in allem plane ich, diesen Weg in 2009 konsequent weiterzugehen: Nutzlosen Ballast abwerfen, keinen neuen mehr aufnehmen. Konzentration auf wenige, mir wichtige Dinge, die Zerstreutheit meiner Interessen bewusst kontrollierend. Raum und Zeit schaffen für Familie, Geld scheffeln und mich endlich ernsthaft diesem Blog widmen. Ein Hobby braucht schließlich der Mann. Und ein Sprachrohr brauche ich.
Frohes Neues!
05 Januar 2009 um 10:26 am
Wow, eine ganze Menge, was da in 2008 angefallen ist. Da kann ich kaum dagegenhalten. Ok, das Getrenntleben schon 2007 eingetuetet, 2008 dann die Entsendung nach Qatar, Nachholung der neuen Herzdame mit entsprechenden Problemen, da die Paesse doch unterschiedliche Herkunft haben. Das ganze Jahr mit spaerlichen Informationen durch den Anwalt versorgt worden und bis heute die Scheidung immer noch nicht durch. Zwischendrin “remote” eine Fehlgeburt mitgemacht, die Herzdame erst danach einreisen lassen koennen, dann innerhalb der ersten Wochen noch der Herzdame einen Krankenhausaufenthalt (Spaetfolgen wegen mangelhafter Ausschabung) spendiert, diverse Krisen mit der Herzdame angefangen und zum Teil geregelt bekommen. @009 dann die Entscheidung getroffen, individuelle Freiheiten der Herzdame rigoros zu beschneiden, um finanztechnisch nicht demnaechst den Offenbarungseid leisten zu muessen.
Sie haben einen Hund Vorsprung.
05 Januar 2009 um 10:26 am
P.S.: den letzten Eintrag konnte ich nicht kommentieren, da immer wieder eine Fehlermeldung auftritt. Auch Lesen des Rests funktioniert nicht.