Umgedacht!

In vermutlich jedem von uns ruhen Wünsche, tief vergraben, die, wenngleich artikulierbar, in ihrer Erfüllung nur wenig beeinflussbar und hinsichtlich ihrer Konsequenzen kaum überschaubar sind.

Über manche dieser Wünsche kann man nachdenken, sprechen, sich dabei bewusst sein, worüber man spricht, eine Entscheidung fällen, sich bei all dem der festen Überzeugung persönlicher Abgeklärtheit hingeben, gerät aber ihre tatsächliche Realisierung in greifbare Nähe, brechen möglicherweise doch innere Dämme, deren Existenz man niemals erahnt hat. Gefüllschaotische Wellen der Befindlichkeit schwappen und wogen über einen hinweg, ekstatische Freude, begründbare Besorgnis und temporäres “Gar nichts fühlen” wechseln sich in kurzer Folge miteinander ab.

So sehr wir unseren “Lebensplänen” trauen, so sicher wir uns immer ihrer Richtigkeit und Umsetzbarkeit waren, so wenig sie uns aber letzlich im Alltag beeinflussten, so hammerkrass trifft uns womöglich die emotionale Konfrontation mit dem bislang nur Erdachten.

Wenn das persönliche Wohlbefinden mit einem Schlage in der inneren Wertigkeit in den Hintergrund tritt, ein nerviger Job plötzlich seine guten Seiten hinsichtlich seiner Ernährungsfunktion und materiellen Sicherheit offenbahrt, kühne Pläne utopisch erscheinen und das Leben in absehbarer Zeit nicht mehr nur die Überbrückung zwischen extrinsisch induzierten Glücksmomenten darstellen wird, weicht das Wort “Verantwortung” seiner tatsächlichen Repräsentation: Dem Gefühl “Verantwortung“.

Umdenken ist angesagt, wenn sich die persönliche Existenz, der Natur unterworfen, auf einmal neu ordnet, eine komplett andere Ausrichtung erfährt und die Identität zu einer anderen, neueren, vielleicht bedeutungsvolleren erwächst. Umdenken in der eigenen Bedürfnishierarchie. Umdenken in der zeitlichen Amplitude individueller Zieldefinition. Alles wird länger, kostbarer, wichtiger. Doch geschieht dieses Umdenken allem Anschein nach automatisch, ohne ein bewusstes Zutun.

Es ist aufregend, spannend, niederschmetternd und beflügelnd zu gleich, wenn da Dinge geschehen, die aus eigenem Handeln und Wollen resultieren, aber längst nicht mehr nur das eigene Ich tangieren. Sie tangieren das Sein in einer sinngebenden, metaphysischen, kaum in Worte zu kleidenden Weise, die sich Anfangs kaum greifen, denn begreifen lässt.

Ungewissheit, ob es ist, wie es ist, Zweifel an der eigenen Gefühlslage, der quasi selbstauferlegte Maulkorb bis zur Gewissheit, tick, tack, und doch bewegt sich nichts. Zeit erstirbt zu einem unverrückbaren Felsmassiv. Man will schreien, vor Glück, vor Mittelungsbedürfnis, doch kaut man maulvoll auf Watte.

Bin ich aufgeregt. Scheiß die Wand an!

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