Idealismus vs. Pragmatismus







Hinsichtlich ihrer beruflichen Motivation können im Groben drei Kategorien von Menschen verschubladet werden: Die, die da ohne Rücksicht auf persönliche, negative Rahmenbedingungen das Ding durchziehen, was sie selbst für sich und die Welt als am Wichtigsten definiert haben, jene, denen der persönliche Komfort, ihr Status und ihre Kaufkraft am wichtigsten sind und dafür auch zu Handlungen bereit sind, die sich nicht immer vollständig mit eventuellen Moralvorstellungen ihrerselbst decken müssen. Und letztlich jene, die sich evidenzbegründet zum zweiteren Typ ändern. Die vom “Saulus zum Pauls”-Geschichte kann mangels Realitätsbezug getrost vernachlässigt werden.
Zu den sich ändernden gehöre ich. Meine frühere Karriere im Sozialwesen habe ich einer Schulabschlussdepression mit damit verbundener Orientierungslosigkeit zu verdanken, sowie dem Umstand, dass ich nicht mehr länger mit meiner Mutter zusammenwohnen wollte, da wir seinerzeit grundlegend voneinander abweichende Auffassungen hinsichtlich der Begriffsdefinition “Wohngemeinschaft” aufwiesen. Ich schmiss also die Schule hin und erwog, mich lebenslänglich bei der deutschen Bundeswehr zu verpflichten. Irgenwann musste ich allerdings doch mal zu feste an einer Purple-Haze-Tüte gezogen haben, denn mir wurde plötzlich klar, dass ich nicht fürs Töten, vielmehr für den Kampf gegen den Tod und das Leiden geboren war. Also machte ich erst mal meinen Zivildienst in der individuellen Schwerstbehindertenbetreuung.
Tiefer und tiefer verstrickte ich mich in dieses Idealismusding, weshalb ich beschloss, eine Ausbildung zum Krankenpfleger zu machen. Diese verlief, bis auf den Umstand, das meine männlichen Kollegen fast ausnahmslos meinen Arsch wollten, recht spaßig und erfreulich. Bis ich ein halbes Jahr auf einer Onkologie jungen Menschen beim Sterben zusehen durfte. Ich war irgendwann, meist nach 10 oder 15 doppelten Diensten a 16 Stunden am Stück nicht mehr in der Lage, die dort erlebten Qualen und das Leid in der Klinik zu lassen und trug es nachhause. Meine Misanthropie zeigte sich erstmals, als ich beschloss, dass mir die Arbeit am Wohlergehen anderer für lächerliches Salär das beileibe nicht Wert sei.
Nach Abschluss der Ausbildung kümmerte ich mich also ausschließlich nur noch um das Wohlbefinden unbeseelter Maschinen und das war verdammt gut so. Selten spreche ich heute noch mit alten Kollegen, allesamt psychisch am Ende, drogensüchtig, verratzt, im Arsch. Für ihr verdammtes Gutmenschentum, das sie in gerade mal zehn Jahren zu Grunde gerichtet hat, können sie sich heute nicht einmal eine Flasche anständigen Whiskeys leisten. Traurige Idioten.
Am Anfang meiner IT-Laufbahn besaß ich auch in diesem Feld einen gewissen Idealismus, so wäre ich zu früheren Zeiten bereit gewesen, einen Job abzulehen, wenn er mich von Microsoftwerkzeugen abhängig gemacht hätte, ich besaß so etwas wie “Programmiererehre”. Heutzutage ists mir doch scheißegal, woran ich in der Zeit, in der ich mich prostituiere, nicht anderes ist Erwerbstätigket nämlich, herumklicke, Hauptsache es hört irgendwann auf und die Kohle stimmt.
Wahrscheinlich geht es vielen früheren “Idealisten” so, nur wenige halten die freiwillige Selbstaufgabe zu Gunsten übelriechender, dummschwatzender Fremdmenschen ein Leben lang durch. Und ich zweifle offen an ihrem Geisteszustand. Dies ist meines Erachtens auch einer der Punkte, an denen das Gesundheitswesen kollabieren wird, stellt sich nicht bald ein Umdenken bei den Verantwortlichen ein: Es kann nicht auf Dauer funktionieren, idealistische Vollidioten nach alter Schule auszupressen bis sie nicht mehr laufen können, gleichzeit aber das Sozialwesen dergestalt zu kommerzialisieren, dass eben jene, die die Deppen pressen, sich eine güldene Nase daran verdienen. Irgendwann muss doch auch der letzte Trottel einmal aufwachen?
Ich habe kein Gewissensproblem mehr damit, nach einem Tag sinnloser Spielerei grinsend nachhause zu gehen, weil ich weiss, dass ich mehr als das Doppelte einer Krankenschwester an diesem Tag verdient habe, ohne mich in den Fäkalien somnolenter Alkoholiker gewälzt zu haben. Ich bin nur mir und den Meinen verpflichtet und fühle mich wohl damit. Und das regelrecht idealistisch!
21 November 2008 um 10:14 pm
Schade, dass du diese Menschen Idioten nennst.
21 November 2008 um 10:16 pm
Wie mans nimmt, nicht wahr?